

DER TÄTOWIERER: EINE ERZÄHLUNG ZU MEDICAL GASLIGHTING
Ich habe eine Tätowierung. Sie heißt „Fette Ente mit Pilzen“. Sie ist nicht auf der Haut.
Der Tätowierer sitzt mir gegenüber. Er trägt einen weißen Kittel, eine weiße Hose, ein Polohemd, cremeweiß, an gewagten Tagen hellgrau. Seine Haare sind Salz und Pfeffer, hinten mehr Pfeffer, an den Schläfen vollständig Salz. Er hat den Mund voller Nadeln.
Bei dem Tätowierer kann sich niemand die Motive aussuchen, aber er sticht sie regelmäßig nach. Sie verblassen niemals, er ist ein Profi. Er ist ein Profi, so wie ich ein Laie bin, der von seiner Arbeit nichts versteht. Unsere Demarkationslinie ist ein Schreibtisch aus gebürstetem Glas. Er lässt sich leicht desinfizieren. Hinter dem Schreibtisch ist das Land des Wissens, davor das Land des Unwissens. So ist die Zone definiert, in der ein Freischwinger die zu Tätowierenden zum Sitzen einlädt, kurz. Es ist ein falscher Name, denn sie sollen ja gerade nicht frei schwingen, sondern – wenn überhaupt – in den vom Tätowierer vorgeschriebenen Bahnen. Niemand soll ein Tattoo bekommen, das von eigenwilligen Bewegungen verzerrt wird, das stört die Klarheit der Linien, der Leitlinien, an denen sich die Stiche entlanghangeln.
KNAPPE STICHE ENTLANG DER STRESSACHSE
Wir haben 5 Minuten. 4 Minuten 45, wenn die knappe Begrüßung mit sonorer Stimme abgezogen wird. Da schwingt Erfahrung mit, jahrzehntelange. Am Schluss der Worte markiert er das Territorium der Lautäußerungen mit Schließlauten, Beschlusslauten. Wann gesprochen wird, bestimmt er. 3 Minuten 28 spricht er von dieser Zeit mit seinem Bildschirm, eine stumme Zwiesprache. Man kennt sich, man versteht sich. Ein intimes Gespräch, jedes menschliche Gegenüber ein Voyeur dieser heiligen Handlung.
Der Rest der Zeit wird reichen für eine neue Tätowierung, die hat er so oft gestochen, das kann er im Schlaf.
Am liebsten sticht er entlang der HPA-Achse, der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, Stress-Achse klingt zu banal für so ein delikates künstlerisches Werk. Dort schrammt er seine Nadeln ein, ein solches Tattoo hält lebenslang.
Schweiß bildet sich hinter meinen Ohren, im Nacken, tropft entlang der Wirbelsäule, hinein in die Spalte am Steißbein. Die Flimmerhärchen der Steißbeinritze neigen sich unter der Flüssigkeitslast, die Haarzellen im Innenohr organisieren sich zu einer Rettungsgasse, einem Gefahrentunnel, in dem alles verdrängt wird außer den Schallwellen aus dem Nadelmund des Tätowierers. Die Meere in meinem Innenohr ändern ihre Strömungen schon, bevor ich den Grenzstreifen zum Hoheitsgebiet des Tätowierers betreten darf, auch diesmal nach dem Ruf „Der Nächste bitte“. Der erfolgt wie immer nach langem, demütigem Warten, ein Zeit gewordener Anbetungsabstand. Er ist der Rockstar, nicht ich.
AM ORT DES UNWISSENS
Erst danach werde ich eingelassen in den Ort des Unwissens, der durch ein unsichtbares, aber für jeden deutliches Schild markiert ist. Ich betrete diese Zone durchnässt, errötet. Der Sympathikus genannte Teil meines Nervensystems tut sein Werk. Das macht nichts. Der Tätowierer sieht mich nicht an.
Er hat lange, desinfizierte Finger, geeignet, um Nadeln und Skalpelle zu führen, geeignet, um Akten zu öffnen, in denen er neue Motive findet. Seine Maus ist ergonomisch, der Stuhl auch. Er dreht sich geräuschlos dem Bildschirm zu, um meine Zahlen zu sehen, die auch in mein Handgelenk eingeprägt sein könnten, so unabänderlich sieht er sie mit mir verbunden, so ohne jeden Zweifel denkt er: „Das ist das, was da vor mir sitzt.“ Es ist keine „sie“, sondern ein „das“, eine Fläche, bei der die Krankenkassennummer vor dem Namen steht.
DÄMPFUNGSNEBEL
Das Kunstleder meines Freischwingers, meines Unfreischwingers, meines Nirgendwohinschwingers quietscht, ein Geräusch, das in den Nebel meines Gehirns eindringt. „Gabadabadu“ denke ich im Schwingrhythmus, und an das Wort GABA, das Kürzel für Gammaaminobuttersäure, ein beruhigender Neurotransmitter, der in Massen ausgeschüttet wird, wenn das Nervensystem nach dauerhaften Fassanstichen des Cortisols zu sehr geflutet wird. Eine Kompensation, eine Überkompensation, eine Über-alles-hinaus-Kompensation.
Gabadabadu, Beruhigung, Dämpfung, Verwandlung in undurchdringlichen Nebel, Gehirnnebel, Brainfog, das ist die Kadenz von GABA, an die ich denke, in der ich denke, in deren Bahnen ich denke, während der Tätowierer hinter seinem Bildschirm vor meinen Augen verschwimmt.
Teilweise hat meine Sehstärke drei Dioptrien Unterschied. Ich habe gelernt, dass die Augenringmuskeln, mit denen wir die Welt scharfstellen, besonders viel Energie verbrauchen, ATP heißt die Kraftwährung unserer Zellen, Adenosintriphosphat. Der Kursabsturz hatte sich schon vor dem Termin bei dem Tätowierer angekündigt.
DER ELEVATOR PITCH: VORBEREITUNG
Ich habe mich in Voraussicht auf den Währungsverfall und die mich dann anfallende Weltentrückung vorbereitet. Auf Ausgedrucktem steht alles. Postvirale Myalgische Enzephalomyelitis, notwendige Untersuchungen, Post Exertional Malaise, die Verschlechterung von allem nach Anstrengung, Mitochondropathie, verminderte kapillare Sauerstoffversorgung, mRNA-Veränderungen, Gewichtsveränderungen durch Metabolismusstörungen, Mykosen durch Immunschwäche, lohnende Off Label Medikamente, neuere Studien. Eine Köstlichkeit an Fachwissen habe ich aufbereitet, ein Buffet. All you can eat, da ist für jeden etwas dabei, vielleicht verlockt es ihn ja.
Ich habe es wie für einen Elevator Pitch geordnet, um einen schwierigen Kunden in der Zeitspanne einer Aufzugsfahrt zu überzeugen. Natürlich wage ich nicht, meine Gedanken schweifen zu lassen, während ich auf die Rückseite des Bildschirms starre. Aufpassen, Lücken nutzen, in den Millisekunden von Aufmerksamkeit etwas einpflanzen.
STIMMSTOPP UND EONPRÄGUNGEN
Ich sauge Luft ein, um meine Stimmbänder in Schwingung zu bringen, um etwas ausströmen zu lassen in Richtung seiner Ohrmuscheln. Er hebt die desinfizierte Hand, ein Stoppschild, gesäumt vom Rand eines gestärkten Kittels. Ich soll mich in Geduld üben. Seine Stimmbänder enthalten das Tintenreservoir, nicht meine.
Der Tätowierer setzt zum ersten Stich an, zum Konturstich der Umgebungsornamente, die die eigentliche Tätowierung erst richtig zur Geltung bringen. Er schickt seine Nadeln auf den Weg zu meiner Ohrmuschel, ein gespitzter Brandungsbug schießt mit den Wellen, die auf meine Trommelfelle einschlagen. Hammer, Amboss und Steigbügel, die kleinsten Knochen im menschlichen Körper, verstärken die Wucht des Eindringens von selber. Effizienzklasse A++, CO2-neutral, über die Energiebilanz seiner Tätowierpistole gibt es so wenig zu klagen wie über meine Energielosigkeit viel.
In das ovale Fenster, der Durchreiche zum Innenohr, prägt sich der Tätowierer ein wie in ein Medaillon. Dort verwandeln sich die Wellenstöße seiner Nadeln in die Bewegungen meiner Gewässer. Er ist in mir, mein Schaudern hat mit Lust nichts zu tun. Die Flimmerhärchen in meiner Gehörschnecke neigen, biegen, verbiegen sich, öffnen Kanäle, durch die seine Nadeln weiter schießen, tiefer schießen.
MEINE WERTE
„Ich habe mir ihre Werte angesehen“, sagt der Tätowierer und meint damit etwas anderes als ich. Er meint etwas Nichtssagendes, auf das er folgerichtig „Nichts“ sagt. Nichts, das habe ich laut diesen Werten, die die meinen sein sollen, ein fehlender Besitzstand, dessen Abwesenheit den Schmerzen, der Erschöpfung, den 140 Symptomen ihren Grund entzieht. Eine auf seinem Bildschirm schwarz auf weiß verbriefte Wertelosigkeit.
Es steht für ihn nicht infrage, ob die richtigen Fragen gestellt worden sind bei der Abnahme der Werte, der Betrachtung der Werte. Die wertelose Wertlosigkeit ist ein erwartbares Ergebnis.
Ich versuche, meine Schallwellen zu ihm hinzuschicken: Wissen aus meinem Medizinstudium, angereichert mit der Recherche aktueller Studien, gut gewürzt, ansprechend präsentiert, delikat aufbereitet. Der Tätowierer hat keine Untersuchungen gemacht, die notwendig sind, um die Not zu wenden. Das versuche ich ihm mit Samt- statt Gummihandschuhen auf einem ziselierten Silbertablett zu übergeben. Er ist ein großer Künstler, ich will ihn nicht kränken mit meiner Erkrankung, mit meinem Wissen über meine Erkrankung, mit der Kenntnis meines Körpers.
Er wischt mit der Hand meine Worte weg, die gesprochenen, die auf Papier.
DIE VERBANNUNG VON DR. GOOGLE
„Verschonen Sie mich mit Dr. Google!“.
Er breitet eine Schondecke über meinen Mund, undurchlässig, schonungslos, es macht ihm nichts, dass zu wenig Luft hinein- und hinauskommt. Diese Geste reicht, um den Mandelkern in meinem Gehirn anzustechen: Sprachlosigkeit, Luftlosigkeit, die Gefahr, die dadurch entsteht, dass eine Gefahr als „Nichts“ benannt wird. Sie bereitet, so habe ich gelesen, meinen Körper auf Kampf oder Flucht. Das Cortisol schäumt aus den Nebennierenrinden, ein Fassanstich, überschäumend, eine Flut. Oktoberfest über Jahre, bis nichts mehr übrig ist, bis die Produktion eingestellt wird, Nebenniereninsuffizienz, die Brauerei kann trotz Insolvenzverfahren selten gerettet werden.
Diese Vorbereitung ist geschickt. Jeder Nadelstich, jedes weitere Wort wird durch die Überlebenschemie in mir den schnellsten Weg nehmen, nicht den Umweg über die Teile in meinem Gehirn, die eine Distanz zwischen meinem Nervensystem und den Nadeln schaffen könnten. In einem solchen lichterloh feuernden neuronalen Zustand prägen sich Motive besonders gut ein, meist genügt ein einziger Termin.
DIE HAUPTTÄTOWIERUNG MIT SCHALL
Dann setzt er an zu der Haupttätowierung. Schallwellen, Nadelwellen, verwandelt in Bewegungen der algengleichen Haarzellen, die sie für die Staffelstabübergabe zum Hörnerv in elektrische Impulse übersetzen. Ich habe gelesen, dass der Hörnerv sie zum Rückenmark schickt und von da hoch zum Thalamus, dem Türsteher in meinem Gehirn.
Die Nadeln schlagen ein, Maximaltinte, Solid Colour Packing, das soll erkennbar sein.
Dann kommt es, knapp, gezielt, mit Wucht.
„Nehmen Sie mal zehn Kilo ab.“
„Ab“ hat einen abschließenden Klang, der entschlüsselt wird, noch bevor sich in meinem Gehirn die Bedeutung der Klänge zusammenfügt.
Es gibt für mich nichts mehr zu sagen.
Er wiederholt es noch einmal: Die Outline soll klar gestochen sein.
„10 Kilo weniger. Dann geht’s Ihnen auch besser.“
DIE MAGIE DER LEBENSLANGEN ZEICHNUNG
Er tippt lateinische Wortfolgen in seinem Land hinter dem Bildschirm. In meinen Assoziationscortexen und den traumgleichen Welten der „limbisches System“ genannten Hirnregionen verbinden sich die einschlagenden Klangnadeln mit allen chemischen und elektrischen Zeichnungen, die ich von einer endlosen Kette anderer Tätowierer mitgebracht habe.
Und dann beginnt die eigentliche Magie.
Von da an spielt es für die immer tiefere Schwärzung, die Einprägung, die lebenslange Haltbarkeit der Tätowierung keine Rolle mehr, auf welchem Stuhl ich sitze oder ob der Schreibtisch aus gebürstetem Glas oder Resopal ist. Es spielt auch keine Rolle, dass ich weiß, wie wenig 10 kg zu tun haben mit Schwindel, Gangunsicherheiten, Augenschmerzen, bei denen selbst sanftestes Licht eine Welle von Übelkeit auslöst, der Unfähigkeit, mehr als 200 m zu gehen. Oder mit der Art von Erschöpfung, die jenseits dessen liegt, was wir gewöhnlich mit diesem Wort verbinden. Namenlos, ein schwarzes Loch unter dem Solarplexus, das selbst das Formen eines ganzen Satzes zu einer unbewältigbaren Aufgabe macht.
Er wischt es weg, wie er meine Ausdrucke wegwischt. Keine Notwendigkeit, so etwas über mich zu lesen. Eines der Blätter gleitet zu Boden, leise, es macht wie ich keinen Lärm.
FORTAN: EIN EWIGES WATSCHELTIER, NICHT KRANK
Das, was in mir fortan über mich selber lesbar ist, heißt:
Fette Ente mit Pilzen.
Mehr noch: Durch seine Lautäußerungen, seine magischen Worte, verwandele ich mich in eine Ente, schnatterdumm. Eine, die denen, die das Land des Wissens beherrschen, die Zeit stiehlt, das sieht man an den Werten.
Ein Anamnesegespräch wird mit weniger als 15 Euro bezahlt. Ich bin ein Verlustgeschäft. Ein Federvieh, ein blödes, ein adipöses, ein fettgeschwängertes. Eines, das nur einmal abnehmen müsste, dem man nichts abnehmen kann, das übertreibt, aggraviert, man kennt das von den Frauen.
Aus Rache trichtert der Tätowierer seinen Glauben in mich hinein, dass den Signalen meines Körpers nicht zu glauben ist. Eine Nudelung, eine Zwangsernährung mit Unglauben, so wie die Frauenrechtlerinnen, die Suffragetten, zwangsernährt wurden, die für das Wahlrecht in Hungerstreik gingen.
Ich habe keine Wahl: Die Tätowierung hält für ein Leben.
DER ZERRÜTETE INSELSAUM IM GEHIRN
Was weniger für ein Leben hält, ist der Saum meiner Insel.
Bevor Tätowierer sich in mein Leben hineinzeichneten, war die Insula genannte Region in meinem Gehirn ein Zufluchtsort, besonders ihr Saum, ihre Strandregionen. Selbst wenn meine Welt schwankte, war hier der feste Boden von Wahrheiten und unbestechlichen Urteilen. Der Ort, an dem ich mich wusste, von mir wusste, mich erkannte, an dem nichts von mir blieb mir fremd.
Meine „Nozizeptoren“ genannten Schmerzempfänger schickten Nachrichten das Rückenmark hoch, und der Türsteher im Thalamus bat mit Feingefühl für Wichtiges und Unwichtiges würdige Gäste in den exklusiven Club meiner höheren Hirnregionen. Mit ihren Elektroyachten und eleganten Cocktails aus Neurotransmittern wurden sie eingeschifft in den Hafen der Insel.
Jeder Botschafter, selbst der entferntesten Regionen meines Körpers, wurde mit gleichem Respekt angehört, ausgewertet, den Experten vorgestellt. Ah, ein Schmerz am Fuß, barfuß besser einen Bogen um Reißnägel. Beim herabblickenden Hund tun die Kniekehlen weh? Ein yogaüblicher Dehnungsschmerz, der geht vorüber. Beim Husten schmerzt die Lunge? Das bedeutet etwas, vielleicht Bronchitis. Maßnahmen sind zu ergreifen.
Das Urteil der Insel war solide, valide, eines, auf das man bauen konnte. Eines, das nie ohne ein Expertennetz aus verschiedenen Regionen gefällt wurde.
Die Insel war mein Zufluchtsort der Innenschau, der Interozeption, der Hafen, von dem aus ich erkennend in meinem Körper herumreisen konnte, um die Schätze zahlloser Rezeptoren einzuschiffen und zu ordnen. So verlässlicher Boden, dass ich von dort diplomatische Beziehungen zu Experten in meiner Großhirnrinde unterhielt, die Erfahrungen und Gelesenes beisteuerten, sodass wir gemeinsam zu klugen Entscheidungen kamen. Meinungspluralität wurde in dieser „Salienznetzwerk“ genannten Runde als Teil eines Prozesses gelebt, der Bedeutsames von Unbedeutsamem unterschied.
VERLÄSSLICHE BOTSCHAFTEN IM VORHER
Die Küstenregionen meiner Insel waren zwar manchmal rau, hatten aber immer die beruhigende Wirkung von Orten verlässlicher Wahrheiten. Salienz war Salbe, das Balsam valider Bedeutung, gelebte Demokratie. Die Würde eines neuronalen Impulses ist unantastbar, so wollte es das Grundgesetz des Landes, das ich war.
Dann begann nach dem Eindringen eines Virus die Zeit der Tätowierer. Autoritäten, die als Notwender angepriesen wurden, wenn mein eigenes Expertennetzwerk ob der Wucht der eingehenden Informationen aus meinem Körper an seine Grenzen kam. Verpflichtende Unwetterspezialisten, zu denen mich Behörden verdonnerten. Man hielt viel von denen, die wenig von uns hielten, von mir, von den Botschaftern mit ihren Nachrichten an meine Inselregion.
UNFREISCHWINGERZEIT
Ich begann meine Zeit auf Unfreischwingern und anderem Mobiliar, die Rückseite von Bildschirmen fest im Blick. Manchmal wurden mir Flüssigkeiten entnommen, manchmal etwas vermessen, selten mit mir gesprochen.
Stattdessen wurden Nadeln mit Tinte aller Schattierungen in mich hineingetrieben.
„Das kann nicht sein.“
„Ihre Werte sind in Ordnung.“
„Sie machen zu viel, sie machen zu wenig.“
„Ich schreibe Ihnen eine Überweisung zum Psychiater.“
“F.45 somatoforme Störung, F 32.9 depressive Störung, nicht näher gekennzeichnet, F 45.2 Hypochondrie”
„Niemand fühlt dies bei diesem und jenem.“
Niemand saß vor den Tätowierern und sah sie an. Niemand blickte aus dem Land des Unwissens zu denen im Land des Wissens hoch von dem etwas niedrigeren Sitzmobiliar, während die Ansichten der Tätowierer sich einzeichneten, unauslöschbar abzeichneten, die Deutungshoheit über die Impulse der Botschafter aus dem Inneren übernahmen.
NICHTS: DIE VERWANDLUNG
Schmerz war weiterhin Schmerz, aber bedeutete: NICHTS.
Schwindel war weiterhin Schwindel, aber bedeutete ebenso: NICHTS.
Der körperliche Einbruch nach jeder noch so kleinen Anstrengung fand weiterhin statt, aber bedeutete: NICHTS.
Die händezitternde Erschöpfung wurde beantwortet mit „Müde sind wir alle schon mal!“ und bedeutete: NICHTS.
Reizüberempfindlichkeit, das Schwanken von Gehör, Geruchssinn und Sehstärke bedeutete im günstigsten Fall NICHTS, im ungünstigeren Fall: VERRÜCKT.
Arbeitsfähigkeiten von täglich 6 Stunden und mehr wurden in Gutachten eingenadelt, während an sechs Tagen wöchentlich und mehr manchmal der Gang vom Bett zur Toilette eine nur mit Hilfe zu bewältigende Unüberwindlichkeit war.
Während immer neue Tätowierungen alle anderen Botschaften überschrieben, veränderte sich die Küstenregion meiner Insel. Botschafter kamen zwar noch an, wurden aber verlacht von denen, die in aller Heimlichkeit die Macht im Salienznetzwerk übernommen hatten. Schmerz wurde zum Ist-nicht-wahr-Schmerz, Übelkeit zur Ist-nicht-wichtig-Übelkeit, bodenlose Erschöpfung zur Ist-normal-Müdigkeit.
Das Personal der Insel zeigte sich überfordert von verzweifelten Botschaftern. Immer mehr Nachrichten, eine Flut aus Schmerz und sonstigen Signalen, rot blinkend, täglich mehr, um endlich, endlich einmal gehört zu werden. Gleichzeitig der Auftrag der Autoritäten, all diese Depeschen “Ungültig”-Stempeln zu versehen, unwert in den Gedächtnisnetzwerken einen Platz zu finden, von Aktionsplanungen ganz zu schweigen.
Die Inselrinde wurde von Tintenströmen und Kampfhormonen zerfressen, schäumendes Cortisol, hoch die Tassen. Was einmal Zuflucht gewesen war, wurde zu einem Ort, von dem aus nicht nur die ständige Produktion von Botenstoffen des Kampfes, der Flucht und der Not befehligt wurde, sondern etwas, das vor allem diese Botschaft in jeden Winkel des Körpers sandte: Du bist mir fremd.
Was vorher Nähe, beständiger Austausch und Verstehen war, wurde mit „Nichts“ vernichtet. Eine Vernichtsung der Fähigkeit, meinen Körper zu erkennen, ein immer wieder neu zu formendes Bild von mir entstehen zu lassen, ich verschwand.
Stattdessen starre Bilder aus Tinte, eingestochen, eingestichelt, um sich gerade nicht zu verändern. Fette Ente mit Pilzen ist ein Gericht für die Ewigkeit.
WAS BLEIBT IST WATSCHELN
Etwas rattert. Der Tätowierer räuspert sich. Er schiebt mir ein Rezept für ein Antimykotikum zu, ein Mittel gegen Pilze, die sich in allen möglichen Regionen meines Körpers einnisten. Eines, das genauso lange wirkt, wie ich es benutze, genauso lange, bis ein anderes körperliches Ungemach seinen Lamellenhut durchdrückt. Ich weiß, dass das Medikament auch diesmal keine langfristige Wirkung hat, keine haben kann, aber ich glaube mir nicht. Was kann ein bestenfalls zum Quaken geeigneter Fettklumpen schon wissen?
Um mich aus dem Freischwinger herauszubewegen, muss ich mich an der gebürsteten Glasplatte festhalten. Sie spiegelt nichts von mir. Der Tätowierer verdreht die Augen. „Vergessen Sie nicht, Ihre …“, eine kurze, beschämende Pause, „Papiere mitzunehmen.“
Die Stimme trifft vor hochgezogenen Augenbrauen.
Ich stehe auf. Ich watschele zur Tür. Ich öffne sie.
Der Tätowierer schließt sie, auch diesmal.
***
Medical Gaslighting ist eine verbreitete Form des psychologischen Missbrauchs in der Medizin. Patient:innen werden Symptome von medizinischem Personal abgesprochen, bagatellisiert sowie als rein psychisch oder in Banalem wie Übergewicht begründet dargestellt. Dies führt dazu, dass notwendige Diagnostik und Behandlungen verzögert oder verweigert werden, Körperwahrnehmungen ihre Signalwirkung verlieren und es zu einer iatrogenen (im Medizinsystem begründeten) Form posttraumatischer Belastungsstörungen kommen kann. Das Phänomen hat strukturell diskriminierenden Charakter: Besonders betroffen sind Frauen, chronisch Erkrankte (z.B. Fibromyalgie, ME/CFS, Long Covid oder Post Vac), Menschen mit abweichendem Gewicht, Menschen mit Migrationshintergrund und psychisch Erkrankte, deren körperliche Symptome häufig der psychischen Erkrankung zugeschrieben werden.
(c) Judith de Gavarelli Juni 2022