Ohren, Nacht

Ohren, Nacht

Über Verlust und die Öffnung ins Unbenannte

Wie wäre es, wenn das Ohr die Nacht wäre, wenn da niemand wäre, nur die Nacht? Wie wäre es, wenn ich in dieses Dunkel hineinsprechen würde und es mir antwortete, mütterlich, nein, ich will nicht sagen mütterlich, eher: wie Milch. Wie wäre es, wenn ich dahinein Worte richten würde, Du weißt warum ich das frage, wer würde mir da entgegensprechen?

Wie wäre es, wenn ich in die Wunde hineinsprechen würde, eine Wunde wie ein Hautriss, ein Mund, wenn ich da hineinsprechen würde, ein Schatten, eine Öffnung mit netzenden, nässenden Rändern, eine Leerstelle ohne Naht, wer würde mir da antworten?

Ich vermisse Dich so. Ich vermisse Dich ohne ein Warum, oder vielleicht mit einem Warum, einem unbeantworteten. Ich weiß nicht, wer du bist. Kann ich an Deine Stelle die Nacht setzen? Kann dort, wo Du standest, eine bewegliche Leerstelle erscheinen, wie das Dunkel in einem Gehörgang, einem hörenden Gang, einer lauschenden Strecke?

Höre mich, höre mir zu. Ich denke nicht, während ich dir schreibe, denke nicht, nicht so, ich denke von einem anderen Ort aus. Ich spreche von dort aus in Dich hinein, in das Es, was Du bist und das, was vielleicht an deine Stelle tritt. Ich vermisse Dich so und schreibe, spreche Dir zu in diesen Riss, dieses Loch, diesen Durchschuss, an dem einmal Du warst.

Ertrage ich das? Ertrage ich es, mein Wort in die Nacht zu richten, mit dem Wunsch, es wärest Du, mit dem Wunsch und Deinem Fehlen? Du fehlst mir. Und in der Nacht ist es Nacht.

Bist Du in diesem Dunkel oder ist das Dunkel an Deine Stelle getreten? Ich  möchte sagen: Rufe mich! Du rufst mich nicht: Ich rufe mir zu. Ich rufe mir zu aus dem Es, das Nacht ist und Du, nicht Du, das Dunkel an Deiner fehlenden Stelle. Nicht denkend würde ich sagen: Ich sterbe daran. Denkend würde ich sagen: es fühlt sich so an, als stürbe ich, stürbe es, stürbe etwas in mir an dem, was durch Dich fehlt.

Ich möchte aber nicht sterben, nicht es, nicht mich in diesem Riss verlieren. Lieber möchte ich an Deiner Stelle, an der Stelle von dem, was vielleicht durch Dich fehlt oder nicht fehlt, dem, was durch sein Fehlen in mir Wunden reißt, lieber möchte ich an dieser Stelle die Nacht.

Ich schreibe „Nacht“ und ich muss Dir diesen Begriff erklären. Es ist nicht das Grauen, das drohende, drängende Dunkel, sondern das Unbenannte, in das hinein man immer schreibt. Ich sage „in das hinein man immer schreibt“ und denke: Dann, mit diesen Worten, ist das Dunkel vielleicht schon an deine Stelle getreten. Und vielleicht war es niemals anders. Vielleicht warst es nicht Du, sondern immer nur die NachtKannst Du mit dieser Erkenntnis an eine andere Stelle treten? Ich weiß es nicht. Ich wünsche es so. Nicht, dass Du verschwindest oder Dich auflöst in einem Nebel aus Nie-gewesen-sein. Sondern dass Du an eine andere Stelle trittst. Weg von der Stelle des Ohrs. Wer bist Du dann? An welche Stelle kannst Du treten, wenn etwas anderes, ein anderes Rufen, Sprechen, Fragen an das Ende meine Wortkanals tritt? Mein rechter Arm wird an seiner Außenhaut lebendig, das ist ein Gefühl wie Haut. Vielleicht stehst Du dort und sprichst mit mir in das Dunkel oder vielmehr: Siehst mir, hörst mir nur dabei zu. Hörst mir zu an meiner Seite, die Hand im Rücken, kurz neben dem rechten Schulterblatt.

Rufe mich. Nein, rufe mich nicht: Ich rufe im Dunkel.

Sieh mir, sprich mir, hör mir nur dabei zu.

(c) Judith de Gavarelli 2008