Allerleirau
Allerleirau – die Zielgerichtetheiten
Eine Erzählung über das In-eins-Fallen von Fürsorge und Gewalt
Johanna machte die Tür ihrer Wohnung auf, wenn jemand vorbeiging. Sie machte sie auf, wie sie die Augen während der Meditation öffnete, ein Schlitz und eine Steilfalte zwischen den Brauen in dem Hotel in der Schweiz, wo sich irgendeine spirituelle Gruppe niedergelassen hatte und sie den Abwasch machte. Sie öffnete die Augen während der Meditation, wenn jemand hereinkam und wies mit einem Nicken ihres kleinen Kinns auf freie Plätze; es hätte Freundlichkeit sein können oder Kontrolle, ich wusste es nie. Aber schon Stunden vorher zogen sich mein Magen und die immer angespannten Nackenmuskeln vor Ärger über diesen Blick zusammen, ich hätte sie schlagen mögen und unterließ es natürlich. Ich nannte den Ärger mit der Sprache, die man damals sprach, „Projektion“, kramte Erinnerungen an meine Mutter hervor und fühlte mich unterlegen. Johanna machte den Abwasch in diesem Hotel mit einem völligen Mangel an Ziellosigkeit, wie eine Vorbereitung auf alles oder ein unwütendes Ungeschehenmachen, obwohl ich zu wissen glaubte, dass sie kein bestimmtes Ziel im Auge hatte. Zumindest sprach sie nie von Zukunft.
Sie war sieben Jahre Sekretärin gewesen und hatte von heute auf morgen aufgehört, warum, weiß ich nicht, ich glaube, es war nichts. Ich weiß auch nicht, wie sie in das Hotel gekommen war, sie war weder eine spirituell Suchende nach an den Schmierkanten der Unerträglichkeit alltäglicher Auseinandersetzungen ausgeglitten, wie die meisten dort. Ich war damals in dem Hotel gelandet, weil sich mein Leben immer mehr an der Linie vergangener Schatten zu krümmen schien, ich wollte schreiben und eine Weile der Verantwortung entladen sein, vielleicht glaubte ich auch, etwas suchen zu müssen, mit dem ich mehr ich sein konnte, als ich es war. Es war damals üblich, das so zu wünschen und also wünschte ich es auch.
Johanna war klein und übergewichtig, als ich sie kennen lernte – von dieser Art Übergewicht, wo das Fett sich um einen zarten Knochenbau legt wie die nassen Bänder eines übervollen Maibaumes, aus denen die Farbe ausgelaufen ist. Man erwartet beinahe, Schlieren auf dem Boden zu sehen und wartet mit heimlicher Gier auf sich traurig krümmende Äste in jeder Gestik, jeder Bewegung. Sie wurde öfters darauf angesprochen – ich lauerte immer darauf, ein Aufblitzen von unterdrücktem Ärger oder Scham auf ihrem Gesicht aufbrechen zu sehen. Doch sie reagierte kaum und mich störte dieses Nicht-Vorhandensein einer Reaktion, die darauf hingewiesen hätte, dass es sie in irgendeiner Weise beträfe. Ich wollte sie betroffen sehen, nicht, weil ich ihr Leiden wünschte, sondern weil ich wollte, dass ihre Empfindungen in fassbaren Dimensionen zu den meinen stünden. Sie jedoch sagte, es würde vorübergehen wie ein Schnupfen. Ich glaubte ihr nicht.
Ihre Kleidung war teuer, unauffällig gediegen und kam mir trotzdem immer wie ein Flickwerk vor, was Ihren Körper entfernte. Nie habe ich Farben an ihr gesehen – höchstens mal ein Braun oder Fuchsrot, aber tausenderlei Stoffe und Schnitte. Nie habe ich sie auch in der Stadt etwas kaufen sehen. Tausend Dinge schienen vorhanden zu sein – vielleicht war sogar tausend die richtige Zahl, das hätte gut sein können. Sie kaufte außer das für den Alltag Notwendigste nichts Neues und von Wünschen oder einem erdachten Morgen sprach sie nie.
In der Schweiz sprach man ohnehin nur vage über Zukunft und wenig über die Vergangenheit. Das Ungute des eigenen Gewordenseins sollte sich in der Meditation, im Unbeantwortetsein lösen; ich weiß nicht, ob das jemals gelang. Nicht desto trotz hatte uns die antrainierte Introspektion der Selbsterfahrungsgruppen mit der Gier versehen, dunkle Wurzeln zu sezieren in der Annahme, dies sei Verstehen und Nähe. Deswegen fragte ich einmal zwischen fallendem Jasmin, dem fernen Lärm der Passstraße, Ameisen aller Größen und einer kleinen Blutbuche, die zum See hinaus wuchs, Johanna nach ihrer Familie, von der sie sonst nie redete, wirklich nie.
Sie sagte, sie habe mit ihrem Vater in einer vollkommen weißen Einliegerwohnung gewohnt, da drinnen sei immer ein Licht wie Nebel gewesen. Zum Wohnzimmer der Wohnung ihrer Mutter, in dem sie immer fernsah, hätte es eine doppelt verglaste Scheibe gegeben; nichts hätte man dort gehört von der Mutter, die oft etwas von Schuldigsein kreischte und „Wetten dass…“ sah. Die Mutter hätte vergessen, dass man anders sein könnte als notwendig, natürlich hätten die Eltern sich nichts zu sagen gehabt, sich zuerst scheiden lassen und dann sei die Mutter irgendwann gestorben.
Johanna erzählte das mit der fehlenden Stimmmodulation derer, die keine Amplituden in den flachen Landschaften des Empfindens wünschen, die den Rhythmus des HinundHer und HochundRunter bis zum Brechen der Welle und Spucken der weißen Gischt fürchten, wie von denen, die gleichgültig sind.
Während ihrer Zeit als Sekretärin habe sie auch sieben Jahre mit einem Mann zusammengelebt, der an Leukämie gestorben sei. Sie habe sich eine Woche vorher Urlaub genommen, damit sie mit ihm und seinem Bett im Garten sein könnte. Sie erzählte das so, als sei es das größere Ereignis gewesen, auch, dass sie sich mit ihm verlobt hätte, als seine Augen schon milchig von den Schmerzdämmern waren. Sie haben ihm dann einen goldenen Ring in den Tee getan, den er immer trank. Er sei fast daran erstickt, sagte sie und sah einen Moment aus wie eine, die gleich höhnisch lachen wird.
Ich reihte diesen Unschmerz Johannas an meinen Ärger über ihre fehlende Scham wegen ihres Übergewichts – eine Kette aus milder Antipathie, die nicht ausreicht, um mit großer Geste einen Kontakt abzubrechen, die höchstens in eine leichte Kälte mündet, in der das Wundern und Fragen aufhört.
Ich dachte erst viel später, nachdem ich das Hotel in der Schweiz schon längst wieder verlassen hatte, an die weiße Einliegerwohnung. Christiane, die neben mir in einer Medienfortbildung des Arbeitsamtes saß, mir Hilfe derer wir die Brotlosigkeiten aufgeben sollten, hatte im selben Ort wie Johanna gewohnt. Ich erinnerte mich an die weiße Einliegerwohnung, als Christiane ein Stück Kinder-T-Shirt mit einem Bärenaufdruck einscannte. Es war Nebel draußen und die Bildschirme flatterten mit zuwenig Hertz, ich hatte keine Lust, auf die Monitore zu starren und erwähnte aus Langeweile und um des Gesprächsstoffs willens, der mit Christiane immer wieder erkämpft werden mußte, ich hätte einmal eine Frau gekannt, Johanna, die doch aus dem selben Ort wie sie gekommen sei, ob sie die kenne. Auch kam mir das seltsame Haus von Johanna in den Sinn und ich fragte Christiane, ob sie dort einmal gewesen sei.
Christiane war erstaunt, nein, das Haus sei völlig normal gewesen, die Mutter sehr jung aussehend mit einer sommersprossigen Haut, durch die bläuliche Adern schimmerten. Als sie über dreissig war, hätte der Mann sie behandelt, als sei sie für ihn gestorben, habe ihre eigene Mutter gesagt und verächtlich geschaut, so seien sie, die Männer, und es ließe sich nichts daran ändern, nichts. Vielleicht wohne sie immer noch da, es sei ihr immer vorgekommen, als gehöre das Haus nur der Mutter und der Mann und die Tochter seien nur zu Gast. Aber die Tochter habe er sehr geliebt, sie sah der Mutter ähnlich, die eine kreischende Stimme gehabt hätte und immer schöne Kindergeburtstage ausrichtete. Vom Vater hätte Johanna alles bekommen, einmal – daran erinnerte sich Christiane – habe er ihr mit fünf oder sechs ein Kleid geschenkt, gelber Taft mit Paillettenschnüren wie Sonnenstrahlen, scheußlich, aber alle hätten es sich gewünscht. Sie sei zuerst stolz gewesen und dann in den Stacheldraht gefallen, vielleicht auch rein gerannt, sie sei immer so verträumt, so abwesend gewesen. Die Kinder hätten ihr das zerrissene Kleid natürlich heimlich gegönnt, auch hätten sie sie manchmal neidisch und verächtlich Prinzessin genannt und sie habe ganz ernst geantwortet: „Nein, ich bin keine Prinzessin, ich bin die Königin!“
Klug sei sie gewesen und nicht unnett, aber keine engen Freunde habe sie gehabt.
Christiane war erstaunt, als ich erzählte, Johanna sei Sekretärin geworden, sie habe ohne Ende Bücher gelesen, auch auf Kindergeburtstagen, wenn sie denn mal eingeladen war, auch auf der Straße, es sei ein Wunder, dass sie niemals überfahren worden sei, sie wäre gegen alles gelaufen, was kleiner als ein roter Möbelwagen war. Geweint habe sie nie, ein bisschen kalt, aber immerhin nicht jämmerlich, wie es verwöhnte Kinder manchmal sind. Die Mutter habe ihr immer hinterhertelefoniert, wenn sie bei Freunden war und sie habe den Hörer dann in der Hand baumeln lassen.
Später im Gymnasium seien die Auffälligkeiten dann völlig weggeschrumpft, nicht gut, nicht schlecht in der Schule sei sie gewesen, Worte wie alle, nicht laut, nicht leise, keine engen Freunde, keine Feinde. Nicht unnett, wie gesagt eine, die nicht stört und nicht fehlt, wiederholbar wie dieser Scan eben, sagte Christiane und wies auf die jetzt lohroten Bären. Der vorbeigehende Ausbilder, der den letzten Satz aufgefangen hatte, warf mit der geschwollenen Brust technischer Überlegenheit ein, es ginge doch nichts über eine gelungene Imitation.
Der Tag, an dem ich Johanna wieder in mein Haus und mein Leben einzog, war kein schlechter Tag für mich gewesen. Wohl gemerkt, kein schlechter Tag ist auch kein guter, damit da keine Missverständnisse entstehen. Er ist so wenig ein guter Tag, wie die Erleichterung über einen ausbleibenden Schlag gutes Leben bedeutet. Ich hatte an diesem Tag getan, was zu tun war und es hatte keine großen Schwierigkeiten aufgeworfen. Nach der Medienfortbildung hatte ich – was überall als Erfolg gefeiert wurde – eine Stelle als Redakteurin bei einem Magazin einer Marketingkooperation von Apothekern bekommen. Ich schrieb im Frühjahr über Allergien und im Winter über Grippemittel und es gab sogar wohlmeinende Freunde die sagten, ich könnte von Schreiben leben, das hätte ich doch gewollt. Sie waren nett, ich hielt sie heimlich für dumm und war doch bereit, Ihnen mit resignierter Freundlichkeit zu glauben. Ich akzeptierte ihre Bewunderung, weil ich mir „Freiräume bewahrt hätte“ durch die Tatsache, dass ich nur vier Tage pro Woche arbeitete und oft in Urlaub fuhr – ich nannte das „Reisen“ und schämte mich nur selten dieser Verklärung.
Den Möbelwagen sah ich von der Straße aus – ich hatte damit gerechnet. Die Wohnung über mir war schön und billig und bis auf das Außenbad, dass man mit mir und noch einem jungen, schüchternen Musikstudenten teilte, ohne Makel. Man zog dort nicht ein um alt zu werden, aber alle blieben. Und wäre Johannas Vormieterin nicht in eine unausweichliche Liebe zu einem Finnen gestürzt, der ohne Fjorde nicht leben wollte, hätte Johanna an diesem Tag kaum vor dem Haus gestanden und mir mit diesem verhassten Kinnnicken einen Parkplatz auf der gegenüberliegenden Seite zugewiesen.
Ich war versucht, einen anderen Parkplatz zu nehmen, als sie mich so einwies, zurechtwies vor dem Haus, was immerhin meines war, aber es war tatsächlich kein besserer da.
Ich hatte sie sofort erkannt, obwohl sie stark abgenommen hatte und mir nicht schön, aber aufdringlich normalgewichtig vorkam. Natürlich war ich verwundert, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Ich parkte ungeschickt und ging auf die Haustüre zu, Johanna dirigierte drei kräftige, slawisch aussehende Männer, Kisten in ihre Wohnung zu tragen. Eine nicht allzu große Menge an Kisten, zumindest war der Möbelwagen nicht annähernd voll davon und augenscheinlich ohne Möbel.
Als sie mich sah, kam sie mit der gewohnten Fast-Herzlichkeit auf mich zu, sagte meinen Namen und küsste mich, links, rechts, so wie man jemanden küsst, den man nicht küsst. Ich kenne diese Spiele, die keine Anstrengung erfordern. Sie trug einen bräunlichen Hosenanzug und eine schwere, filzartige Patchworkjacke, „Wie schön, Dich zu sehen!“ klang frettchenweiß, ihre kurze Erzählung von Ortswechsel und Veränderung, nein, neue Herausforderung, war voll schlecht genähter Abnäher, in denen scheinbar ein Großteil des Erzählstoffes abhanden gekommen war. „Mein Vater wohnt hier in der Nähe, er ist ja schon alt.“ schloss sie ihren Bericht über die Gründe, hierher, zu mir zu ziehen. Sie schaute dabei wie eine, die Ziele kennt und ich fühlte mich belästigt.
„Hast Du vielleicht ein Wasser für mich?“ fragte sie dann und durchmaß eine Minute später meine Wohnung wie eine Pfadfinderin, die ein Kim-Spiel macht, bei dem es gilt, sich alles in jedem Detail zu merken. Nein, sie richtete ihre Wohnung nicht wie meine ein, ich glaube, sie hatte einfach die Muster der Gewöhnlichkeit an diesem Ort gelesen, fuhr noch in derselbe Woche zu Ikea und hatte kurz darauf eine Wohnung, die keine Verwunderung hervorrief, bei niemanden. Blumen pflanzte sie keine. Sie duschte oft, kurz unterhalb der Grenze, wo bei einem Gleichgültigen das Wundern beginnt.
Die ersten drei Monate war Johanna immer gleichbleibend freundlich und von einer unauffälligen Kontaktfreudigkeit. Ich aß manchmal bei ihr und ihre Wohnung blieb unabsonderlich, auch wenn ich niemals einen Blick in ihr Schlafzimmer warf. Aber auch das war nicht etwas, was Fragen und leere Blasen aufwarf, Spielbälle, die das Denken in neue Richtungen getrieben hätten. Selbst das Unspezifische ihrer Wohnung erschien mir nicht als Eigenschaft. Mir fiel das sanftes, durchscheinende Fehlen, was ich erst in der Erinnerung dort gelesen habe, auch nicht auf, warum hätte er mir auch auffallen sollen?
Die Geschichten erzählen sich oft durch das nicht Vorhandene und werfen darin ihre Schatten. Ich meine nicht die Art von Geschichten, die mit einem alles verwandelnden Showdown, einem Riss, einer Erkenntnis enden, sondern die, wo sich Schatten zu etwas zusammenballen oder verflüchtigen, wo sie sich bewegen, verzerren, zerstäuben und auch verwandeln – unauffällige Schatten aus Nicht-Sein, aus Lücken vor etwas Belebtem; es ist mir fast nie gelungen, sie zu sehen. Einmal saß ich in Köln in einem Eiscafé dort, wo die Kölner Altstadt fest in türkischer und italienischer Hand ist und der Karnevalszug beginnt. Ich las in der Stadtzeitung, dass in Köln wieder ein jüdisches Theater eröffnen sollte und mir fiel in der Zufälligkeit des Zusammentreffens dieser Information mit dem Fett- und Knoblauchgeruch und dem Gesicht des gelangweilten türkischen Mädchens am Kiosk auf einmal das Fehlen jüdischer Geschäfte auf. Es war ein sanftes Fehlen, kein empfundener Mangel. Mir war nur einen kurzen Moment bewußt, was für ein harter Schlagschatten diese Fehlen war, ich hätte meine Handgelenke auf die Glasplatte trümmern mögen, unterließ es und vergaß. Wer erinnert sich schon lange an ein Fehlen ohne Mangel, an das Abwesende der Geschichte?
Auch als ich aus Köln zurückkam, viel mir der Schatten der Abwesenheit in Johannas Wohnung nicht auf. Sie hatte mühelos eine Anwesenheit reproduziert, die Anwesenheit eines gefüllten Raumes, ich weiß nicht, ob es sie Mühe gekostet hatte oder im Strömungskanal ihrer Zielgerichtetheit leicht war, weil es nicht die Suche nach einer Alternative mit einschloss.
Sie arbeitete im Call-Center eines Versandhandels und packte jeden Abend mit der gleichen Sorgfalt eine Plastiktasche mit aufgedruckten Teddybären, wie für ein Kind. Einmal hatte sie die Tasche mit kurzem Triumph und ohne Freude hochgehalten, als wir mit ein paar Menschen, die in unserem Haus wohnten, am Tisch saßen. „Wie früher.“ sagte sie und keiner wunderte sich. Es war in, Kinderspangen zu tragen und Ahoibrause zu kaufen mit einem unausgesprochenen, nie zugegebenen Verweis auf ein besseres Zuvor, wo es weniger gab und deshalb die Dinge mehr zu sein schienen, dieses Mehr, das wir uns zurückzuholen wünschten. Also wunderte uns keine Bärentasche, Beate flocht sich Zöpfe und hörte am Abend Pipi Langstrumpf, Miguels Equipment einer verklärten Retrospektive sage mir nicht, aber ich vermutete, damit eine Kindheit in Equador ein wenig zu kennen und fühlte mich kosmopolitisch.
Auch als Johanna bei mir wohnte, sah ich keine neuen Kleider an ihr. Sie hatte die Sachen, die sie in der Schweiz schon trug, anscheinend ändern lassen, als sie schlank wurde und hob einmal, als ich auf zwei schlecht gesetzte Abnäher starrte, ihre dachsfarbene Bluse hoch, streifte die Hose an der Hüfte ein wenig hinunter und wies auf silbrig schimmernde Dehnungsstreifen. Mit einem unbetroffenen Achselzucken sagte sie „Narben in meinen Pelzen.“ und begann vom Mangold zu reden, der mit Nusssoße gut sei, sie kochte vorzüglich und ich vergaß ihren Ausflug in eine bittere Poesie, weil er sich in keiner Welle fortsetze.
In diesen ersten drei Monaten ihrer Anwesenheit gewöhnte ich mich langsam an sie. Ich gewöhnte mich an die Kinderwanne im Bad, in der sie fast immer einen ihrer schweren fellartigen Pullover wusch. Ich gewöhnte mich daran, sie aus der Tür lugen zu sehen, wenn ich morgens mit meinen schlurfenden Nachtschritten zum Bad tapste, mit strähnigem Haar und Morgenmuff in meinem Mund, an den beinahe heimeligen Suppengeruch aus ihrer Wohnung und an mein Leben, in das sie sich wie ein Quader hinein geschoben hatte, um den ich mich wohl oder übel und ohne Gefallen U-förmig wölbte.
Sie drängte sich nicht auf, sie breitete vielmehr ein Feld unbemerkter Leere aus, die Raum einnahm, ohne ihn zu füllen.
Morgens, sagte sie „Guten Morgen“, sie hielt mir die Tür auf und borgte mit Salz. Eine Freundin war sie nicht, aber sie war nicht die schlechteste Nachbarin und manchmal kam sie in meine Wohnung, manchmal ich in ihre.
Einmal saß sie bei mir und sah aschenfarben aus, als ein junger Lehrer zu Besuch kam, der mich interessierte. Wir hatten am Küchentisch gesessen, als er klingelte. Ich sah ihr Gesicht hinter mir im Spiegel als ich dem Lehrer öffnete und „Willkommen!“ sagte in all den Sätzen, die man jemanden sagt, wenn die Freude über ein Wiedersehen nicht zu offensichtlich sein soll. Ich fand sie fahl und fühlte mich schön, nein, sie könnte gerne noch bleiben, sagte ich, als sie Anstalten machte, sich zu erheben. Sie saß rechts von mir, lachte bei meinen Anekdoten aus der Redaktion an den richtigen Stellen, ich war die freie Journalistin, die ich sein wollte, der Lehrer fand mich amüsant und vielleicht verwegen, als ich von Bali erzählte, wohin ich mit TUI geflogen war. Ich holte Luft und sah sie, mir fiel immer mehr ein und mehr und mehr und dann fiel mir nichts mehr ein und der Lehrer, mit dem ich eigentlich kein Gespräch hatte, ging. Ich kann nicht sagen, ob ich Triumph in ihren Augen gesehen habe, ich hätte ihn an ihrer Stelle empfunden. Johanna kochte mir eine Suppe und sagte, wie schön ich ausgesehen hätte in meiner mondglänzenden Bluse, wie eine Erscheinung. Sie legte mir, als ich auf Toilette war, zum Trost für den Lehrer, der, wie wir beide wussten, nicht wiederkommen würde, ein winziges silbernes Spinnrad in die wunderbar schmeckende Suppe; ich ritze mir ein wenig das Zahnfleisch, bedankte mich überschwänglich und dachte einen Moment an so etwas wie Freundschaft.
Am nächsten Tag jedoch war Johanna reserviert und bat mich, meinen Wagen in nicht so großem Abstand zu den anderen zu parken. Ich atmete erleichtert auf über diesen willkommenen Anlass, dass mir Johanna wieder gleichgültig sein durfte. Gleichgültig wie die, die hinter den Glaswänden im Bürohaus gegenüber fremde Geschichten und Zahlen in Computer tippten, wie ich es tat und es „Schreiben“ nannte.
In dieser Zeit begann bei mir etwas, was die Ärzte „Nichts“ nannten mit vielen Worten. Im Wesentlichen breitete sich ein Nebelfleck in der Mitte meines Gesichtsfeldes von meinem rechten Auge aus. Das Auge schmerzte außerdem, wenn ich es zu den Randzonen hin bewegte und manchmal pulsierte es wie ein dunkles Tier. Dann schienen meine Beine zu verschwinden und mein Unterleib, alles Blut schlug mir in den Kopf, so als wäre nur Leben in den obersten Wipfeln des Baumes, mir wurde heiß und mein Kopf schien zu zerspringen.
Die Ärzte nahmen mir Blut ab und sagten „Nichts!“, sie durchleuchteten mich und sagen „Nichts fehlt Ihnen.“, sie ließen mich Buchstaben lesen und glitzernde Punkte schauen und in Plastikbecher pinkeln, sie spritzen mir Dinge, die mein Aderngeflecht zum Leuchten bringen sollten, schoben mich in eine Röhre, die mich in Scheiben fotografierte, und sagten „Nichts!“ was so klang wie „Schuld!“. Und in diesem Credo vom fehlenden Fehlen pulsierte der Nebelfleck, der mir Angst machte wie das Wissen es tun würde, mit einem Feind in der eigenen Wohnung zu leben, den man nie sieht und der aus jeder Ecke stürzen kann um die Arbeit der Tage und das mühsam gehortete Restleben zu zerstören.
Nachts träumte ich von einem Raum mit einem riesigen Abfluss und Wänden aus feinem Salz, die schneelichtweiß waren, und den ich nie mehr verlassen wollte. Wohl auch nicht konnte, der einzige Durchgang zur Außenwelt war dieser Abfluss, unter dem ich Hunde bellen sah und Johanna den Abwasch machen, völlig durchweicht vom Spülwasser. Ich beobachtete sie und empfand eine Art höhnisches Glück, so weit über dem zu sein, was nichts anderes als eine Kloake sein konnte. Das weiche Salz roch nach Babypuder und ich presste mein Auge an die Löcher des Abflusses, um noch mehr von dem zu erkennen, wo ich Gott-sei-Dank nicht sein musste, niemals sein musste. In dem Moment sah Johanna hoch, das Spülwasser drängte sich zusammen zu einer spitzen Welle und sprang in mein Auge. Ein hässliches Knirschen war zu hören, so als ob Glas reißen würde. Ich wachte mit angsttrockener Kehle auf und starrte eine Stunde wie gebannt auf die Klinke meiner Schlafzimmertür, weil ich sicher war, sie würde gleich hinuntergehen und es gäbe dann nichts mehr, wohin ich noch fliehen könnte.
Nach dieser erstarrten Stunde ging die Angst vorbei und mit ihrem Fortgang kam das Empfinden von Lächerlichkeit. Ich machte überall Licht und natürlich war da nichts außer der Nebel in meinem Auge. Am nächsten Tag schlief ich bis Mittag, solange, bis meine Blase bis zur Unerträglichkeit drückte. Erst als ich vom Bad zurückkam und mein kopfschüttelndes Taggesicht gewaschen hatte, fiel mir auf, dass sich in der rechteckigen Glasscheibe, die im oberen Teil meiner Wohnungstür eingelassen war, ein feiner Riss zeigte, geformt wie ein Zweig.
Meine Kopfschmerzen und der Nebelfleck quälten mich jedoch so sehr, dass ich keine Kraft hatte, mir über Haarrisse in Gläsern Gedanken zu machen. Johanna war es, die mir am Abend in meine Verzweiflung hinein, dass von allen Ärzten nur nach Gründen und nicht nach Helfendem gesucht wurde, riet, zu einer Chinesin zu gehen, von der sie schon viel Gutes gehört hätte. Die Chinesin, die einen chinesich-deutschen Doppelnamen und eine kappenartige Frisur trug, beäugte meine Zunge und tastete nach meinem Puls, sie fragte mich auch noch dies und das, was ich vergessen habe. Am Ende der Untersuchung sagte sie, es fehle mir an Wasser, was mich an den Traum denken ließ. Ich dachte daran mit einer Mischung aus Faszination und kopfschüttelnder Abwertung dem Drang gegenüber, heimliche Zusammengehörigkeiten erkennen zu wollen. Ich glaubte lieber an Zufälle um den Fängen hohlwortiger Esoterik und dummer Psychologie zu entkommen, die ich hinter mir gelassen zu haben glaubte. Die Chinesin stach zwei mal pro Woche Nadeln in mich und ich dachte an durchsickernde Wände, wenn ich auf der Liege lag und beruhigender asiatischer Musik aus geheimen Lautsprechern lauschte. Auch ärgerte ich mich über den hohen Preis und dass sie oft mehrere Patienten gleichzeitig stach. Ich trank viel Wasser aus Mangel an besseren Ideen, die Hausärztin schimpfte die Chinesin verantwortungslos und nach sechs Wochen waren Schmerz und der Nebelfleck aus meinem Auge so weg, dass ich nicht mehr an Wasser, an durchfeuchtete Wände und Zeichen für irgendetwas glauben musste.
An der Rezeption der Chinesin stand an meinem letzten Behandlungstag eine Schale mit Nüssen. Es war Herbst und Johanna kochte Brotsuppen. Eine Nuss möge ich mir doch nehmen, sagte die rothaarige Arzthelferin, die immer so überraschen nach nichts roch, sowas fällt mir auf. Ich steckte sie ein und dachte komischerweise völlig unzusammenhängend an den Tag, wo ich die Stelle bei der Apothekermagazin bekam, an meine Dankbarkeit für dieses Beinahe-Zweitbeste, was mir schon viel zu viel für mich vorkam. Ich nannte dieses Zweitbeste „Verantwortung übernehmen“, meine Freunde nickten beifällig und bemerkten ebenso wenig wie ich, dass es ein anderes Wort für „Vergessen“ war.
Daran dachte ich, als ich die Nuss nahm, mich verabschiedete, in die U-Bahn stieg und nach Hause fuhr. Mir dämmerte etwas von Leere und anderen Worten als die, die ich für das Apothekermagazin schrieb – Worte, die einmal da gewesen waren. Aber ich war so glücklich über die Abwesenheit von Schmerz und Nebel in meinem Auge, dass es sich fast wie Fröhlichkeit anfühlte und der Leere nicht nachging, die ich nicht „Leere“ nannte wie das Fehlen bei Johanna nicht „Fehlen“.
Als ich ankam, lugte Johanna aus dem Türspalt und ich ärgerte mich kaum darüber aus Freude über das, von dem ich glaubte, es sei Genesung. Ich pinselte die Nuss hautrosa und schnitt ein winziges Stück aus dem Innensaum meiner mondfarbenen Bluse, die Johanna so sehr mochte. Mit meinem Schweizermesser öffnete ich die Nuss und band mit einem verfrüht roten Weihnachtsband die beiden Hälften zusammen. Mein erstes Geschenk für Johanna, dachte ich, als ich die Nuss vor ihre Tür legte, vor der zu stehen wie eine verbotene Handlung war. Ich entfernte mich daher schnell ohne zu wissen, warum ich das tat.
Ich lauschte und hörte, als Johanna aus der Tür kam – wohl um ins Bad zu gehen – ihr verwundertes Aufseufzen. Als sie später herunterkam und gegen meine Türe klopfte, sprang ein kleines Stück Glas heraus und noch nicht einmal das machte mich ärgerlich, so ein Tag war das.
Johanna trug ihre zu große Filzjacke und als sie sich bedankte, wirkte ihre normale, gleichbleibende Freundlichkeit ein bisschen irritiert, vielleicht, weil sie die Imitation von Freude so gewöhnt war, dass sie echter gar keinen Ausdruck geben konnte. Oder möglicherweise gar nicht wollte, da bin ich mir nicht sicher.
„Bist Du glücklich mit Deiner Arbeit?“ fragte ich eine halbe Stunde später in ihren leicht aschigen Teint, der aussah, als käme er von einer zweiten, zu dicken Haut, die alles Blut verdeckt. Johanna lachte, als hätte ich eine absurde Frage gestellt. Darum ginge es nicht, sagte sie, schaute energisch und sah einen Moment so aus, als wolle sie etwas erzählen. Doch dann duckte sie sich leicht und bekann von Kochrezepten zu reden und dass es ja egal sei, was man tue, es komme ja nur darauf an, wie, ich würde mich doch erinnern, oder? Damals in der Schweiz und der glückliche Klosterhofkehrer, das Schwarzbrot mit Nüssen beim neuen Bäcker und aus ihrem Mund stiegen grau-weiße Blasen wie nicht-endenwollende Sprachlosigkeiten; ich legte meine dazu. Ich hätte ihre Hand genommen, wenn ich sie mehr gemocht hätte, habe ich mir später gesagt. Und auch, dass es normal sei, nicht jeden zu mögen und dass sich Beziehungen erst entfalten müssten und dann sage ich auch in guten Momenten, dass es falsch war, diese unterbleibenden Gesten und eben auch richtig, wie die sich entfaltende Ordnung der Dinge immer richtig ist und eigentlich weiß ich es auch heute nicht.
Ich habe es in Wahrheit nie verstanden, wie sich Beziehungen entspinnen, ich wusste nichts über die Zeit und ob und wie Dinge wachsen. Ich wusste nur etwas über die Positionen in einem sich nie verändernden Bild, die Bewegungen des immer gleichen umeinander Kreisens, nie mehr werdend, höchstens weniger.
Es erschien mir insgeheim absurd, Pflanzen zu gießen, weil ich mir ihr Wachstum nicht vorstellen konnte, ich vergaß, unterließ es, Wasser zu geben und die Pflanzen verdorrten. Ich schaffte mir eine Zeitlang immer neue an um diesmal, diesmal, diesmal – aber man muss dieses Geschehen von dem Gedanken an die Schuld der Lieblosigkeit befreien, sagte ich mir, ich nannte das Nicht-Gießen schließlich einfach „Eigenschaft“ und schaffte mir keine Pflanzen mehr an.
Es ist nicht so, dass ich nicht an Bewegung glaubte oder an besser oder schlechter. Ich hatte das „Besser“ früher in Selbsterfahrungsgruppen gesucht. Aber dieses „Besser“ erschien mir nie wie die Fortsetzung, die Wandlung von etwas Bestehendem, sondern wie das Zerspringen der hermetischen Blase, die mein Leben war. Ein Zerspringen, das mich in einen völlig neuen Raum stürzen lassen würde, der anders war und das wahre Leben, nicht aus irgendwas geworden, was in Beziehung zu mir stand, sondern da war vor aller Zeit und mir nur mit perfider Grausamkeit verschlossen.
Der Nebel in meinem Auge war nicht verschwunden, wie ich gewünscht, gehofft, vielleicht auch zu ertrotzen versucht hatte. Er war vielmehr eingeklappt und breitete sich in den Monaten, nachdem ich Johanna die Nuss gegeben hatte, immer mehr in mir aus. Ich bemerkte ihn als etwas, für das Trägheit nicht der richtige Ausdruck ist. Vielmehr hatte ich mehr und mehr den Eindruck, dass für jede Bewegung eine unendliche Distanz zu überbrücken sei. Die Impulse drangen verschwommen wie in milchfarbenen Gewässern zu mir durch. Ich verfiel nicht in ein Nichts-Tun, dazu waren meine Angst und vielleicht auch meine Verachtung zu groß. In jeder Handlung schien nur die Unmöglichkeit eingefaltet, mehr tun zu können, als das Zusammentreiben von längst Verlöschtem. Ich konnte nichts tun, als einen unermüdlichen Kampf gegen die Asche zu führen, die jeden Winkel verkleben würde bis in die feinsten Verästelungen der Bronchien, so dass ich am Staub ersticken würde wie die Grubenarbeiter. Das nicht-endenwollende Tun war bestenfalls geeignet, etwas hinauszuzögern; ich sage „bestenfalls“ und meine eigentlich ein angsterfülltes „vielleicht“.
Johanna dagegen entfaltete immer mehr eine Art von Aktivität, die sich auf einer sehr präzisen Linie hin zu einem Fixpunkt zu bewegen schien, den ich nicht erkennen konnte. Ich argwöhnte, sie habe vielleicht ein Wissen, dass sie mir aus Kälte verschwieg oder Schlimmerem. Nicht, dass ich glaubte, sie hätte mir wirklich etwas Wichtiges zu sagen, aber allein die Vorstellung, dass sie glaubte, es sei wichtig und es mir verschwieg, ließ wieder einen Zorn in mir aufwallen, den ich willig vor alle Impulse schob, ihr näher zu kommen.
Im Nachhinein würde ich sagen, dass sie zu diesem Zeitpunkt auf geheimnisvolle Weise längst mein Zuhause geworden war, dass sie die einzige war, die die von ihr geschaffene Leere bevölkerte und von der ich dachte, dass sie das erlösende Zeichen geben könnte, an dem die Blase zersprang.
Es wurde Winter, das Frühjahr kam und entfernte sich, der Sommer machte unser Denken träge, treibend und schwer. Ich ging mittlerweile fast täglich zu ihr zum Abendessen, wo es fast immer Flüssiges gab, Suppen für die durchschnittlichen Tage und milchigen Brei mit aufgequollenem Reis oder weichem Gries für den Trost. Wir streuten kleine Sterne aus gelben Safran darauf und beäugten uns unausgesprochen scharf, während wir Wörter aus dem Mund quellen ließen, die ich alle vergessen habe.
Nur einmal gab es etwas, das mir im Gedächtnis blieb. Es war kurz vor Samstagabend nach einen überwarmen Sommertag, wo das Fehlen eines Menschen, dessen Haut man an den Schenkeln und in allen Wölbungen und Höhlungen berühren konnte, stärker auf mir lastete als sonst, wenn mich das Zweitbeste, was mein Leben war, in einen lethargischen Rhythmus einspann.
Johanna fragte mich mit unverständlicher Präzision nach meiner Liebe. Sie fragte nicht mit der milden Neugier, mit der man den letzten Freund, die letzte Geliebte sich anschauen möchte. Oder wie man die Kinderbilder, den Teenagerhaarschnitt, die Fotos der ersten Wohnung interessiert betrachtet, um das Bild des anderen mit bunten Fähnchen zu behängen, die zeigen, in welchen Ländern er zuhause ist. Es war vielmehr die Geste eines saubern Tranchierens, wie sie die Wörter um die Liebe aus mir herauslöste, auch und vor allem um ihre Abwesenheit; ich wusste nicht, dass ich darüber so viel zu sagen hatte.
Sie klopfte energisch auf die Nuss, die auf einem Stück Dämmstoff auf dem Tisch lag und meinte: „Es ist Zeit, auf Brautschau zu gehen.“ Ich lachte in die Absurdität hinein, die diese Worte für mich hatten. „Ich bin kein Beziehungsmensch.“, hatte ich behauptet und schließlich gab es doch und gab es doch, und der Sex mit ihm war gut, mit Frauen lief es auch nicht viel anders und die kurze Affäre mit Monika hatte unserer Freundschaft nicht geschadet, Christoph sah gut aus und schließlich ist eine Frau auch ohne Mann, auch ohne Frau, dieser Pärchenzwang, ich definiere mich nicht über… ich atmete alle Worte aus und Johanna schwieg wie ein Kopfschütteln, dass man sich angesichts etwas Offensichtlichem erspart.
Ich war zu müde, um sie meinerseits mit gezielten Worten ihres Unwissens auf dem Gebiet der Liebe zu überführen, ihr ihre Kälte vorzuwerfen und mit scharfen Hohn Beweise anzuführen für irgendwas, was das Kippen der Macht verhindert hätte. Ich war beinahe für alles zu müde in dieser Zeit, auch hatte das Gespräch den Nebel hoch wallen lassen und ich fühlte mich, als würde mit jedem weiteren Wort bleigrauer Staub aus Johannas makelloser Küche aufsteigen, deren Oberflächen sie gerade polierte. Egal, wohin ich dann ginge, ich würde diesen Staub atmen müssen, die weniger werdende Luft zwischen den Körnern des Vergangenen noch mühsamer erkämpfen, als ich es gewohnt war, ich würde in der Asche von Nahrung ersticken, die ich nie aß.
In der Nacht träumte ich, die Luft wäre Wasser geworden und ich drohte unweigerlich zu ersticken, wenn nicht Johanna, die aus der Spüle durchsichtige Wellen zu mir hin trieb, mir ihren Atem gab. Johannas silbrige Dehnungsstreifen waren allesamt zu kleinen Flossen geworden und ich wusste, sie konnte in den Zonen der Menschen und der Gewässer atmen. Ihre Schwanzflossen waren aus dem dunklen Filz ihrer Jacke, der mit weißlichem Schleim überzogen war. Mit schnellen Schlägen dieses Fischschwanzes schwamm sie auf mich zu, fasste mich sanft an Stirn und Kinn und drückte ihren Mund auf den meinen. Sie atmete in mich hinein und ich in sie zurück. Lange und sicher verschloss sie meinen Mund endlich, endlich vor allem anderen, vor dem anderen, was mit würgender Gewissheit in die Sprache der Gewässer eingefaltet war. Ich saugte diese Sicherheit und bemerkte erst spät, dass wir uns nur verbrauchte Luft in die Lungen bliesen. In der weichen Benommenheit brauchte es ewig, bis mein Gehirn den Gedanken formen konnte, dass auch das Ersticken war, auch das. Und als ich es wusste, gab es dann keinen Willen mehr, der sich gegen den Wunsch hätte auflehnen können, mit Johanna in eine allumfassende Ohnmacht zu gleiten, hin zu dem Ort, wo sie mir das Wissen der Fische erzählen würde. Der Fische die wüssten, wie man das Ersticken überlebt, die Werden und Vergehen des milchigen Schleims auf Johannas Filz mit tanzenden Bewegungen in mein Bewusstsein schreiben würden, der Fische, die ich ertragen könnte, weil es dann ohnehin zu spät war, irgendetwas anderes zu wollen als Johanna.
Am nächsten Morgen wachte ich stumpf und ohne Taggefühl auf. Die Decke hatte sich zu eng um meine Beine gewunden, die in einem seltsamen Winkel nach innen gedreht waren. Einen Moment lang fürchtete ich, meine Füße könnten für immer in dieser Innenwendung erstarrt bleiben, ich würde mich vorsichtig an Geländern und Hauswänden entlangschieben, taumelnd und strauchelnd wie auf einem Seegrund.
Es war erstickend heiß im Zimmer und die Lichtpartikel schienen mir wie feindliche Schwaden mit dem beißenden Geruch verbrannter Luft, aschiges Gestöber, das mir die Ausgänge meiner Lungenbläschen verkleben würde. Die Wände meiner Wohnung sahen im überhellen Taglicht schmutzig grau aus, obschon sie erst im letzten Jahr mit einem Ton gestrichen worden waren, den mir der Fachverkäufer im Baumarkt als „Off-White“ anpries, Alt-Weiß, Aus-Weiß, das, was sich bewegte aus dem Hellen in schattiges Dunkel. Es war Juli und über die Stadt hatte sich die Art von Hitze gelegt, die man als bleiern bezeichnet. Die Schwüle und das bis in den letzten Winkel kriechende Sonnengleißen wurde nur durchbrochen von zahlreichen Gewittern, die keine Abkühlung brachten. Ich erinnerte mich vage, dass Dienstag war und ich zur Arbeit sollte, wir schrieben über Herz-Kreislauf-Erkrankungen und dass man nicht das Trinken vergessen sollte, 2 – 3 Liter Wasser, keine Cola. Doch der Gedanke trieb ziellos durch die lichtschwimmende Luft und schien nichts mit mir, mit möglichen oder unmöglichen Bewegungen meiner Beine zu tun zu haben. Meine Gesichtshaut fühlte sich geschwollen an und auf den Jochbögen lastete ein Druck wie von einer Hand. Die Zunge schien zu groß zu sein für den Mund, ein fremder Innenkörper, klebrig, ein dumpfes Tier in meiner Mundhöhlung, „Du musst trinken“ dachte ich und „Sommergrippe“. Mir schoss die dazugehörige Seite des Apothekenmagazins durch den Kopf, ich stellte mir Virenschwärme vor, die mein Blut durchkreuzten, mondhell, silbrig in meinen Adern, ein Fischschwarm, der kommen würde und gehen, in mich hinein und aus mir heraus. Als ich die Lippen bewegte, brannten meine Mundwinkel, ich tastete mit den Fingern, sie waren eingerissen, der rechte verklebt. „Du mußt trinken.“, ich bewegte die Beine vorsichtig aus der Innendrehung heraus, überrascht, dass es gelang. Als ich mich aufrichten wollte, spürte ich, das meine Füße schmerzten, als seien alle Adern in ihnen mit einer schwarzen Enge überzogen, der Raum kippte leicht, die Wände warfen Wellen, ich stützte mich auf den klebrigen Bettbezug und schob meinen Willen auf einer gerade Linie Richtung Bad, schwang ihn auf, drängte ihn, bis es mir gelang, durch den Raum zu schwimmen und durch das Treppenhaus bis hin zu der kühleren Feuchte des Bades, ich trank, entleerte mich, schwamm zurück.
An meiner Tür fiel mir auf, das ein weiteres Stück Glas herausgesprungen war, ich sollte das Loch verkleben dachte ich, aber es erschien mir nur wie die weit entfernte Möglichkeit aus dem Leben eines anderen. Mein Bett war getaucht in die bösartige Sonne, ich besaß keine Vorhänge, das war mir immer als spießig erschienen, so als säße eine wandgroße Mutter in der Faltenfläche, gegen deren Gilb man immer vergeblich kämpfen würde. Ich lachte kurz in das Flirren, dass ich im Winter so erhofft hatte, lachte und war schlafensmüde, nichts erschien mir sinnvoller, als mich nackt auszuziehen und in das Schattenquadrat neben meiner Heizung zu legen, direkt unterhalb der Fensterbrüstung, wo sie nicht hinreichte, wo sie mich niemals erreichen würde. Dort blieb ich mit einem weißen Leintuch bedeckt liegen, manchmal schlafend, manchmal taub auf der Decke geheime Zeichen, Inschriften aus Luftblasen und schillerndem Plankton suchend, bis mich Johanna am späten Nachmittag fand.
Ich fragte mich vage, woher sie den Wohnungsschlüssel hatte, aber vielleicht hatte ich ihn ihr auch gegeben, ich wusste es nicht mehr. Sie erschien mir ungewöhnlich scharf konturiert in dem schwimmenden Raum. „Heiß“ sagte ich und sie nickte. Sie fragte mich nicht, was mit mir los sei, ob ich einen Arzt bräuchte, warum ich nicht bei der Arbeit sei, sondern ging an mir vorbei in die Küche, holte eines der albernen Gläser mit Sparkassenaufdruck und flößte mir Wasser ein. „Du brauchst Vorhänge.“ , sagte sie dann, ging und kehrte kurz darauf zurück mit einem Paar grüner Vorhänge, von einem feuchten Grün, wie ich es einmal in den üppigen Gärten bei einer Reise durch Sri Lanka gesehen hatte, schilfgrün, Palmengrün, das Grün unter dem Dach frauenleibgroßer Blätter. Sie hängte sie mit festen Bewegungen auf, zog sie zu und augenblicklich war das gleißend staubige Grau verschwunden und einer unwirklichen Atmosphäre wie auf dem Grund eines freundlichen Sees gewichen, einer wasserdurchtränkten Pflanzschale in einem üppigen Dschungel. Sie bezog mein Bett neu, ich wollte ihr helfen, aber die Beine rutschten aus meinem Willen heraus in einen unbekannten, treibenden Ort.
Kurz darauf holte sie ihre rote Kinderbadewanne voll mit kühlem Wasser und wusch mich, ich wehrte und wunderte mich nicht. Ihre Bewegungen waren dabei weder zärtlich noch befangen, auch nicht professionell, eher von der beiläufigen Selbstverständlichkeit, mit der man den eigenen Körper wäscht. Sie kramte in genau der richtigen Schublade, reichte mir einen im Licht grünschimmernden Slip und half mir, ihn anzuziehen. Dann brachte sie mich zurück ins Bett, ich hing schwer an ihr wie eine nasse Filzjacke, wie ihre Filzjacke, dachte ich.
Ich sank zurück ins Bett und blieb dort, wie lange, wusste ich erst, als Kalender wieder zu einer Größe in meinem Leben wurden. Sie flößte mir Wasser ein und brachte mich zur Toilette, sie wusch mich und wechselte die Laken. Irgendwas hatte sie wohl auch mit meiner Arbeit geregelt, ich fragte nicht nach. Sie ging ans Telefon und beruhigte Freunde, Ruhe bräuchte ich, ja ich würde mich melden, nein, sie bräuchten nicht zu kommen, ja, natürlich, über eine Karte würde ich mich freuen, keiner widersetzte sich. Abends kochte sie mir grüne Suppe, ich hatte ihr von dem Rezept aus Sri Lanka erzählt und sie hatte sich wer weiß woher die Zutaten besorgt. Die würde mich gesund machen, sagte sie. Die Tage und Nächte verwischten, ich sah Wellen und in guten Stunden zaghafte Lichtschwärme auf meiner Zimmerdecke.
Manchmal waren die Nächte schlimm, ich glaube im Halbschlaf kurz hinter den Träumen, dass eine Welle schwarzer Milch durch den Riss in meiner Türe eindringen würde, eine höhnische Strömung, die mir lautlos die Ohren zerflutete mit dem Lachen über eine immerwährende Zukunftslosigkeit. Eine Zukunftslosigkeit, die mich dazu verdammte, ewig gekrümmt in der Asche zu schlafen, geschwärzt von einer Schuld ohne Beginn, einer Schuld ohne Vergebung, höher als tausend Worte. Ich wollte mich dann erklären, antworten, fragen, abwehren, aber etwas schien in meinen Mund einzudringen, hinaus und hinein und ich glaubte zu ersticken. Dann rief ich nach ihr und Johanna stellte ihre geblümte Gartenliege neben mein Bett, auf der sie dann schlief. Manchmal fühlte ich kurz vor dem Auftauchen, wie sie mir die eingerissenen Mundwinkel betupfte, weich, feucht und kühl.
Sie war immer da, ich fragte mich einmal, was wohl Ihre Arbeit im Callcenter machte, sie fragte ich nicht. Ich nahm sie und rief sie, manchmal ohne zu wissen, ob mich ihre Hilfe stärker oder schwächer machte. Wollte ich aufstehen um zur Toilette zu gehen, schien sie mein Gedankenimpuls unmittelbar in mein Zimmer zu treiben und sie stütze mich bis zum Bad und zurück. Einmal sagte ich wie ein trotziges Kind, dass ich alleine gehen könnte. Da zog sich die Steilfalte zwischen ihren Brauen zusammen, sie schob ihr Kinn auf die vertraute Weise vor und packte mich ohne Kommentar, aber mit sprechender Direktheit unter meinem Arm, führte mich ins Bad, brachte mich zur Toilette, setzte mich dann auf einen Hocker und sagte: „Wasch Dich!“ und blieb mit verschränkten Armen neben mir stehen. In solchen Augenblicken machte sie mir Angst und gelähmt ließ ich den Arm mit dem Waschlappen solange impulslos auf der Kante des Waschbeckens liegen, bis sie ihn nahm und mich mit meiner eigenen Hand wusch, zärtlich angesichts meiner Schwäche und mit weich schwindender Falte. Ich lies mich danach zum Tisch führen und aß bereitwillig die Suppe, danach wurde alles dumpf und ich schlief bis zum nächsten Tag.
Vielleicht hätte ich den und alle folgenden in dem grünen Zimmer verdämmert, wenn sie mir nicht am nächsten Tag die Nachricht mit dem Morgentablett serviert hätte, dass wir ein Fest zu meinem Geburtstag in vier Wochen arrangieren würden. Ich nenne das einmal Nachricht, in Wirklichkeit war es ein Befehl. „Das wird Dir gut tun.“, sagte sie und ich wagte keinen Widerspruch. Sie setze sich zu mir auf die Bettkante und entwarf mit einer für sie untypischen Begeisterung Bilder, ein Fest zu Mitternacht in meinen Geburtstag hinein, jemand müsste wie in den alten Bars am Klavier singen, dass der schüchterne Musikstudent uns aus seiner Wohnung sicher leihen würde. Wir könnten ihre Wohnung nehmen, im Wohnzimmer, das größer als meines war, könnte man eine herrliche Bar aufbauen und tanzen auf dem Parkett. Dazu würde es Rosenbowle mit Himbeeren und Minze geben und eine Suppe, so eine habe ich noch nicht geschmeckt. Außerdem würden wir ein paar schöne Männer einladen, sagte sie und kicherte. Und bodenlange nachtschwarze Kleider mit Ausschnitten und funkelnden Steinchen wie kleinen Sternen würden wir tragen – sie habe die in der Stadt gesehen und würde sie mitbringen – wir hätten ja beide eine ähnliche Größe. Dann schob sie mir zwei Kissen in den Rücken, drückte mir einen Block und einen Stift in die Hand und sagte mir, ich solle die Namen der Gäste aufschreiben. Seltsamerweise gehorchten mir zum erstenmal seit Wochen meine Gedanken und Hände, durch meine Müdigkeit strömte ein Anflug von Dankbarkeit. „Warum tust Du das alles für mich?“ fragte ich sie. Sie sah mich irritiert und beinahe ein wenig verstört an, so, als hätte ich ein Tier gefragt, warum es dem Lauf der Spuren zu einer Tränke hin folgt. Sie zuckte die Achseln und schwieg, sie ging und ich folgte ihrer Fährte, ich nahm den Block, kramte in meinem Gedächtnis und schrieb Namen auf, auch alte, die ich aus den Winkeln meines Gedächtnisses und meines vierzehn Jahre alten Kalenders kramte.
Danach war ich vollkommen erschöpft, aß grüne Suppe, wurde dumpf, schlief und tat am nächsten Tag wieder ein wenig für das Fest. Ab und an, wenn ich nach einer Weile erschöpft war, sank mein Kopf an Johannas Schulter. Wir bastelten Einladungen und machten Pläne, manchmal lachten wir sogar zusammen und wenn wir es bemerkten, stoppten wir beide verschreckt. Eine Karte von meinen Kollegen mit Genesungswünschen kam und auf mein erstauntes Fragen sagte Johanna, sie habe ein Attest gefälscht, so was könnte sie von klein auf – sie wüsste, wie man so etwas organisierte. Sie sah fast ein wenig verschmitzt aus und ich entdeckte keinen Anflug von schlechten Gewissen bei ihr, eher eine Art wohliges Heimatgefühl in einer Welt, in die sie immer wieder und ohne Mühe ihr „so tun als ob“ einpflanzte. Ich fragte nur, was auf dem Attest stünde und sie sagte vage „Bali, viele Viren“ und auf meine Frage nach der Dauer antwortete sie achselzuckend „Solange wir wollen.“ Und nicht „Solange Du willst.“
Trotz der noch immer vorhandenen dumpfen Schwäche waren es schöne Tage in dem milden Strom, der durch seegrünen Raum floss. Manchmal riss jedoch diese sanft treibende Zeit ab; es entstanden Spalten und Risse und während ich versuchte, schilfernde Fäden rückwärts zu spinnen, atmeten die Stunden mit Johanna einen immer vertrauteren Geruch. Ich erinnerte mich an viele Geburtstage, Schatzsuchen, Feenfeste, Indianergelage im Wald, das konnte meine Mutter gut, an die ich in diesen Tagen öfters denken musste. Die Feste flossen aus ihren sommersprossigen Armen, die mir manchmal wie knorrige Äste mit Greifsklauen erschienen waren, die sich um die Handgelenke schließen. Früher hatte ich einmal auf der Oberseite der Handgelenke rote, nässende Male gehabt, die juckten und leise aufplatzten, wenn ich mit meinen Nägeln über sie fuhr. Ich hatte immer gerne Geburtstage gefeiert, auch mit ihr. Dann war es, als würde ich aus der Tochter, die ich war und nicht sein sollte in eine andere Tochter hineingleiten, eine Tochteridee und wir glitten gemeinsam in das Bild, wie liebende Mütter mit ihren Kindern sein können, liebende Mütter, die schöne, lachende Kindergeburtstagsfeste feiern mit bunten Torten, knisterndem Geschenkpapier und diesem Spiel, wo man mit verbundenen Armen die Äpfel mit dem Mund aus einer Wanne voll Wasser fischt. Feste mit wilden Rössern und johlenden Clowns, Feste mit Königinnen in Sonnenkleidern, Mondkleidern, Sternenkleidern, die erst an der Stacheldrahtzäunen zerrissen, die an der Grenze eines jeden solchen Tages warteten. Ich hatte immer gefürchtet, dass keiner zu meinen Geburtstagsfesten käme und es an diesem Tag ans Licht kommen würde, dass die Kinder das Kainsmal entdecken würden, das ich mir mild flatternd um meine Stirn und meinen Mund vorstellte, meinen Mund, der so viele Worte sprechen konnte, kluge und kindliche, vor Angst schrille, trotzige und tapfere, wahre und unwahre. Kamen sie dann alle, war ich für Stunden erleichtert, für die Zeit eines kurzen jauchzenden Bades. Kam einer nicht, glitt mein Blick das ganze Fest unweigerlich zu der Leerstelle hin, die mich verurteilte, weswegen wusste ich nicht.
Bevor diese leeren Stellen mich mit ihrem Gift anspeien, lähmen und verschlucken konnten, reichte mir Johanna in die Zeitlücken kleine Befehle hinein, gerade zur rechten Zeit. Sie hieß mich Einladungen zu basteln, samtschwarz und eingebunden mit einem Stück dunklen Kunstfell von außen – „Rauwerk“ nannte sie es -, innen weißes Bütten mit einer altmodischen Schreibschrift, die wir an meinem Computer ausdruckten und von Hand unterschrieben. „Es geben sich die Ehre“ und PS: „Sagt bescheid, ob ihr kommen könnt.“ „Bitte kommt.“ schrieb ich nicht. Ich kam in den Wochen des manchmal künstlich, manchmal sogar genussvoll in die Länge gezogenen Vorbereitens wieder zu Kräften, wobei „Wieder“ vielleicht der falsche Ausdruck ist. Denn es war nicht dieselbe Art von Kraft wie zuvor, es erschien mir vielmehr als wäre ich mit etwas anderem, unvertrautem gefüllt, von dem Johanna die Grenze, der Verschluss war – würde sie sich entfernen, liefe es unweigerlich aus mir heraus, hinein in ein Meer oder eine unendlich sandige Landschaft, die jeden Tropfen im Moment der Berührung trank.
Aber Johanna entfernte sich nicht sondern blieb, manchmal wie eine Oberschwester, die ihre Patienten energisch und gekonnt aus dem Bett hinaus in erster Schritte hievt, manchmal mit rührend roten Wangen, wenn sie eine neue Idee für das Fest spann. Wir verschickten die Einladungen und als die ersten Zusagen kamen, ertappte ich mich, dass mir der Fuß wackelte, als würde in mir ein junges Pferd mit den mit den Hufen scharren oder etwas, das gegen den Staub anstrampelt um vor Freude und Aufregung auf einem Bein zu hüpfen.
Es sagten alle zu außer einer ehemaligen Klassenkameradin, die sich wortreich wegen eines Urlaubs entschuldigte und einem Cousin, den ich immer aus Höflichkeit einlud und der nie kam. Eine Kollegin schickte mir eine Mail mit getipptem Augenzwinkern, dass ich auch gut aussehen dürfte, sie würde nicht petzen. Es erstaunte mit immer, dass es soviele Menschen gab, die mir auf eine lose und unverbindliche, aber doch nicht lieblose Weise zugetan waren. Ich würde nicht soweit gehen, sie Freunde zu nennen, vielleicht war auch das in mir, was Freundschaften schließen oder auch nur wünschen konnte zu weit entfernt von den Wortschalen, mit denen ich sprach. Aber es gab durchaus Menschen in meinem Leben, mit denen ich arbeiten, essen und ins Kino gehen konnte, fröhliche, wohlgesonnene Menschen, die zu einem Fest kommen würden, zu meinem.
Johanna brachte die Sternenkleider mit und sie passten wie eine samtschwarze Haut. Ein neuer Büstenhalter drückte den Busen in die Höhe und beim Blick in den Spiegel bemerkte ich erstaunt, dass mein Körper aussah wie einer, der Lust wecken konnte und Johannas auch.
Sie hängte uns je eine Stola aus spinnwebzarter schwarzer Seide über die Schultern. „Für meine Unterarmschwäche.“ sagte sie und wies auf feine Dehnungsstreifen unter ihren Armen, die mich nicht störten. Aber die schleierartigen Tücher waren schön, erzählten von Geflüster in eleganten Bars und erlaubten eine Menge unbekannter Gesten, lockendes Wedeln, Verhüllen und Enthüllen, kokettes Frösteln und den Glanz von Frauen, die sich niemals vor den Tritten von Stiefeln in der Asche verbergen müssen.
Ich zog mir in den nächsten Tagen das Kleid immer wieder an und schritt flossenwedelnd durch meinen grünen Seegrund mit laszivem Hüftschwung und weichen Tanzschritten aus meiner Tanzkurszeit. Manchmal schaute Johanna missbilligend, manchmal machte sie mit und schwang rührend ungeschickt aber mit etwas erahnbar anderem die Hüften, unbeholfen, sirrend und verstörend.
Nach diesen Ausflügen in etwas, wofür ich keine Worte hatte, war ich oft so erschöpft, dass mein Gesicht im Spiegel grau erschien, und ich klammerte mich am Abend wie eine Ertrinkende an den Suppenteller voll grüner Suppe, weithin grüner Suppe, zu der es jetzt etwas Brot gab.
Das Wetter hatte sich verändert. Es war weiterhin warm, doch die Tage waren nicht mehr so drängend umklammert von Hitze. Den Himmel bedeckten schnell ziehende, scharf konturierte Wolken, die jeden Tag etwas Regen entließen, ein gutes Wetter für Pflanzen, dachte ich, auch daran, dass meine Mutter bei solchem Wetter immer zwischen zwei Schauern verbissen Unkraut jätete, mit einer Falte zwischen den Brauen, die Zähne gebleckt und zusammengebissen wie unter einem heimlichen Schmerz. Als wir an einem Nachmittag zusammensaßen, um die Einkaufslisten durchzusehen, erzählte ich Johanna plötzlich von meiner Mutter. Es war ein überraschender Ansturm von Wörtern gegen meine Zähne, die ich verschließen wollte. Aber das Seegrün des Raumes schien ihre perlweiße Schärfe aufgelöst zu haben, die Wörter strömten durch die Lücken, ich erzählte von den von den Kindergeburtstagen und der Fast-Tochter, die ich sein durfte und wie gut sie das an diesen Tagen gekonnt hätte, Feen, Zauberer, Rosen, Indianer, Piraten, Elfen, ich beschrieb eine Fülle von leuchtenden Kinderwelten ohne Johanna anzusehen, blies die Feste auf und meine Mutter, sie hatte das gekonnt wollte ich sagen, rufen, ich drehte mich zu Johanna um, sah ihr Gesicht, entgleitend im Gegenlicht, rund und dunkel und dachte mit einem Mal: „Jetzt drücke ich sie weg.“ Ich blickte sie an und sah ihren Mund als schwarzen Spalt, die Augen wie ausgebrannte Herde, wie glanzlose Murmeln, sie stand auf, ich wollte unzusammenhängend rufen „Schlag mich nicht.“ Aber sie sagte nur „Dann weißt Du ja, wie es geht.“, sie ging zur Tür, öffnete sie und ließ einen schwarzen Milchschwall hinein. Ich rief „Johanna!“, die Tür fiel ins Schloss, ich dachte einige Stunden, dass es jetzt aus wäre mit dem fest, mit uns und mit allem, was daran hinge. Ich saß erstarrt auf demselben Platz, bis sie hereinkam mit der Suppe zum Abendessen, zwei neue Suppenschalen als einzigen Kommentar. Ich sah sie an, wie sie leise und wortlos hereinkam, die Augen keine Murmeln mehr und sie keine Woge aus dunkler Milch und Beschuldigung, ich sah sie an und weinte hemmungslos eine Stunde lang, sie legte mir unbeholfen die Hand auf den Arm und schwieg.
Als die Tränen verebbt waren und sich tröstliche Mattigkeit in mir breit machte, nahm sie die Hand weg und fragte mich sanft, ob ich die Suppe an dem Abend kochen wolle. „Du wirst es gut können, ich werde Dir alles zeigen.“ Ich nickte und dachte nur noch „Schlafen.“, sie brachte mich ins Bett und schloss leise die Tür.
Der nächste Tag war der Samstag vor dem Fest, jetzt würden es nur noch sieben Tagen sein, dachte ich und „Wie albern, diese Aufregung für ein paar Stunden.“ Gegen Mittag erschien Johanna mit zwei Einkaufstüten voller Gewürze, Gemüse, Küchengerät und dies und das, „Unser Suppenkochkurs.“ sagte sie und lächelte. Und während ich in den nächsten Stunden Jullienestreifen schnitt, Fonds einkochte, glasig dünstete, anschwitze, an Gewürzen roch, die wir rösteten und Kräutern, die wir wiegten, musste ich lachen, weil es so überraschend viel Freude bereitete. Am Abend ging ich satt ins Bett und freute mich, dass sie am nächsten Mittag wiederkam, mit mir kochte, ging und kam, vier Tage lang.
Der Musikstudent brachte mit ein paar Freunden das Klavier und bastelte in Johannas Wohnzimmer aus einem Regal, Farbe und einem alten Sideboard eine täuschend echt aussehende Bar. Ich wälzte Rezeptbücher, schickte Johanna zum Einkaufen für eine Suppe, die drei Tage kochen sollte, Johanna brachte geheimnisvolle Zutaten mit für die „Canapees“. „Geheimnisse aus der kalten Küche.“ wie sie zwinkernd sagte. Getränke wurden geliefert und wir deponierten Sektflaschen in einem ausgemusterten Kühlschrank, den wir im Keller gefunden hatte. Ich setzte die Suppe auf und dachte wie gut es sei, dass wir alle Zutaten bekommen hatten. Der Musikstudent übte schmelzende Barmusik und Johanna zwinkerte mir auf mein Nachfragen zu, die Sängerin bliebe ein Geheimnis. Einen Tag vor dem Fest dekorierten wir mit Rosen und weißen Callas, wir setzen die Rosenbowle an, Johanna besorgte uns lange Zigarettenspitzen und ich schickte allen eine E-mail, dass elegante Accessoires für einen Abend an der Bar gerne gesehen wären. Nachts schlief ich besser, schwamm am Tage leichtflossig durch den Raum und bemerkte erstaunt, dass sich in meinen Geweben ein anderer Hunger und freudige Feuchtigkeit begann zu bewegen, leicht und zitternd wie ein scheues Tier.
Die nächsten zwei Tage vergingen langsam und schnell, ich tat Dinge, die auf einer geraden Linie zu dem Fest hinführten, tat sie mit einer Mischung aus Vorfreude und Gereiztheit, einem unruhigen Unmut, mit dem man die Dinge, die ohnehin vorbeigehen, zuende bringen will, in den Händen schon den Verbandskasten um die Risse verbinden würde, die uns die unweigerlich wartenden Grenzzäune des Tages danach reißen würden. Gleichzeitig wollte ich die Vorbereitungen, die Lust am Türspalt des noch nicht Gewesenen hinauszögern, ich wollte Schleifen gehen im Tag davor und mit Johanna in diesem wärmenden, schüchtern lachenden „Noch nicht“ bleiben. Ich wollte stocken, es umkreisen, die Geschichte sich nicht weiterschreiben lassen, ich wollte baden in einem ewigen „Zuvor“, das aber nicht blieb, natürlich auch diesmal nicht blieb.
Der Abend vor dem Fest kam, ich war aufgeregt und drängte bei allem, Johanna war stoisch, patent und mit einem augenscheinlich unverrückbaren Zeitplan im Kopf. Nachdem die Suppe fertig gekocht war, lies sie mich eine Schale probieren, auf ihrem Boden lag ein goldener Ring. „Ein Verlobungsgeschenk für die Braut“, zwinkerte sie, ich fragte nicht für wen und kramte noch dies und das, was habe ich vergessen. Sie schickte mich zu einer vernünftigen Zeit ins Bett wie ein Schulkind, ich maulte, sie lachte und ich gehorchte. Im Bett war ich noch eine Weile zappelig, betrat aber dann doch den Kanal, der mich in den Schlaf und in den nächsten Tag führen würde. In ihn hinein sank ich, schlief ohne Träume bis zum nächsten Morgen und tauchte auf in meinen Seeraum. Zum ersten Mal seit dem Tag meines Entgleitens, Wegsinkens aus dem, was ich vorher mein Leben genannt hatte ging ich von alleine zu Johannas Wohnung und klopfte; als sie öffnete sah ich, wie sie erfreut die Augenbrauen hob. Ich lies mich von ihr einweisen und wir verbrachten den Tag mit allen Dingen, die vor einem Fest zu tun sind, verbrachten ihn in einem straffen, aber nicht überdrehenden Rhythmus. Am Nachmittag legte Johanna unser Haar in Wasserwellen, um acht zogen wir unsere Sternenkleider an und staksten auf hohen Schuhen durch die Küche, ich rührte die Suppe um, die leise brodelte, schminkte mir die Lippen rot und die Augen rußschwarz und ging in meine Wohnung um das Dankeschöngeschenk für Johanna zu holen, das ich ihr nach dem Fest machen wollte, eine goldene Nadel, geformt wie eine Spindel. Die Gäste sollten um neun kommen und natürlich schlug mir kurz vorher die Angst in die Ader meines Halses, das keiner kommen würde, aber es war ein sanfteres Pochen, denn Johanna war da, lange schon da, da wie ein Flussbett für das Fest, durch das sie nach und nach alle strömten, Beate und Miguel, die Kollegen, Kinder- und Studienfreunde, Christiane und der Musikstudent. Es war schon dämmerig, als sie ankamen in die von Kerzenlicht und Rosenduft warme Wohnung, das ist nicht wahr, dachte ich und freute mich trotzdem über „Oh“ und „Ah“ und „Gut siehst Du aus“ und auch darüber, dass ein Kollege meine Hand ein paar Sekunden länger als nötig hielt und mir dabei in die Augen sah. Der Musikstudent spielte, Miguel mixte Cocktails, ich trank Bowle und wurde das Rosenfest, der Barabend, das Feenfest, die Piratenschatzsuche, der Kindergeburtstag. Ich wurde die umworbene Unbekannte an der Bar mit schmelzendem Augenaufschlag, die Geheimnisvolle, die durch den Raum flattert und von allen gesehen wird, die femme fatale, der ein Galan am Klavier zärtelnd Komplimente ins Ohr flüstert, die gefährliche Schöne, nach der sich nicht nur der Konsul sondern auch seine Frau verzehrt.
Ich trank Rosenbowle und rauchte aus der Zigarettenspitze, ich sah Johanna rau und seltsam funkelnd lachen, spielerisch schmollen, die Lippen zwischen den Zähnen gleiten lassend.
Es wurden Canapees gegessen und es tanzten sogar Paare geschickt und ungeschickt, trunken, lachend, mit einander anatmendem Begehren und nervöser Konzentration auf die Schrittfolge. Ich tanzte mit dem Kollegen, Miguel und Beate, plauderte elegant und schlagfertig und lachte vor Freude über das Fest, das eines war, das wirklich eines war. Johanna sorgte für alles und alles gelang, sie war charmant zu den Neuankömmlingen, brachte Mauerblümchen feinfühlig ins Gespräch, sorgte dafür, dass die Häppchen nachgelegt wurden und die beiden Studenten für den Service alle immer mit Getränken versorgten. Sie war eine perfekte Gastgeberin oder vielmehr: ein Bild davon.
Ich sah sie immer wieder aus den Augenwinkeln an, wunderte mich über die Bewegung, mit der sie das Haar aus dem Gesicht strich und darüber, wie sich ihre runde Brust hob und senkte, weiß im Ausschnitt ihres Kleides. Es wurde Mitternacht und sie schlug an ein Glas, ich dachte mit einer Geste, die ich noch nie an ihr gesehen hatte aber sonst schon tausendfach. Die Kerzen wurden ausgeblasen und Punkt Zwölf kam eine Torte mit Wunderkerzen herein und sie begann am Klavier „Happy Birthday, Mrs, President“ zu singen, nicht perfekt, aber überraschend sinnlich, eine dunkle Marilyn, glitzernd in einem kleinen Strahler, den Miguel auf sie gerichtet hatte, ich dachte, das ist nicht wahr, sie ist nicht wahr, ich bin nicht wahr oder vielleicht waren auch die Wochen in den dunklen Gewässern vorher nicht war oder mein zweitbestes Leben bei dem Apothekermagazin und in diese Gedanken knallten in den unwahren Abend hinein Sektkorken, ich wurde umarmt und die Gäste sangen noch irgendein Geburtstagslied, ich trank und tanzte, beschwips und sternenfunkelnd bis die Gäste gingen, Küsschen und „Wunderschön“, das ist nicht wahr, dachte ich und küsste und dankte charmant, bis zum nächsten Mal, ich komme bald wieder zur Arbeit und der Kollege flüsterte „Sowas solltest Du öfters tragen“.
Alle waren gegangen, meine Festtrunkenheit aber geblieben, Johanna legte Musik auf und ich forderte sie zum Tanz auf, ich zog sie an mich und lachte in ihren weißen Hals, das alles war unwahr und deswegen konnte es weitergehen. Ich legte ihr den Arm um den Nacken und fühlte es weich und rund an mir, es roch gut und es war ein Fest ein wirkliches Fest, Johanna stolperte ein bisschen und kicherte, sie trieb Wellen zu mir hin und ich fasste sie sanft am Kinn und drückte meinen Mund auf den ihren, eine flüssige Höhle, in die ich hineinatmen konnte, es war nicht wahr und ich zog sie in ihr unwahres Schlafzimmer, lachend auf das Bett, das sich wie ein weißes Feld, eine Leerstelle zwischen überraschend unordentlichen Kleiderbergen drum herum abhob, ein Teppich aus tausenderlei Fellen, in dem ich undeutlich Filzpullover und Fuchstrotes, Dachsbraunes und ihr seltsames Flickwerk erkannte.
Ich holte einen Kerzenleuchter und stellte ihn auf dem Nachtschränkchen ab, Ikea, neunundvierzig Euro und sie lag schwarz auf dem weißen Bett, ich legte meinen Mund auf sie, ein Spiel. Sie fasste mich sanft an Stirn und Kinn und blies in mich, ich nannte sie „Meine Königin“ und steckte ihr die Spindel an, mein Geschenk. Ich war trunken, vom Alkohol, vom Fest und meiner Feuchtigkeit, ermutigt durch all das Unwahre, ich lies Wörter aus mir herausströmen und zu ihr hin, zu ihren beweglichen Brüsten, Frauenbrüsten, Mutterbrüsten, sie war gut zu mir gewesen und ich wollte das Unwahre bis zur Neige trinken, ich drückte ihre rechte Brust hoch bis über den Rand des Sternenkleides, „Das ist nicht wahr.“ Und „Daran saugt man.“ dachte ich, durstig und feucht, ich führte die Spitze ihrer Brust mit meiner Zunge, hart unter meinem Speichel, spitz, mit ihr würde ich lachend die Glasblase, die Schaumblase zerstechen, von dem Tag, dem Fest, von meinen letzten Jahren, ein Spiel.
Ich setzte mich auf, um mir mein unwahres Kleid von den Schultern zu streifen, als mein Blick auf ein altes Mädchenkleid fiel, das neben dem Bett hing, sonnengelb mit Paillettenstrahlen und sorgfältig geflickt. Sie sei bestimmt ein wunderschönes Mädchen in diesem Sonnenkleid gewesen, gurrte ich und jetzt eine Sternenprinzessin, es war nicht wahr und ich konnte alles sagen. Ich lehnte mich kokett zurück, so geht lockendes Frauenlachen dachte ich und sagte, wie wunderbar sie das alles gemacht hätte, wie eine Mutter, wie meine Mutter, besser als sie, sie wäre bestimmt eine wunderbare Mutter, über die sich jede Tochter freuen würde.
Ich glitzerte nass und golden, eine Prinzessin im Sonnenkleid „Meine Königinmutter“ lachte ich und dann war Johanna über mir. Ohne Frauenlachen, ohne Locken, mit ausgebrannten Augen, aschgrau. Sie senkte sich auf mich, mit den Fingern in meinem Mund, fuhr in ihn, spreizte die Mundwinkel, riss sie auseinander, den Ellebogen auf meiner Kehle. Sie bog meinen Kopf nach hinten, ich spürte, wie ein mein Mundwinkel einriss und die Luft weniger wurde und dann drückte sie ihre Brust in mich, dunkel und groß, es rauschte, sie presste sich auf mich, in mich, um mich, ihr Mund ein schwarzer Spalt, aus dem alles herausstürzte, der See und die schleimbedeckten Fischschwänze, schwerer Filz, von Asche geschwärzte Milch und Luftlosigkeit. Ich schluckte und hustete und die Woge riss mir die Beine hoch, die Knie an die Schultern, ich wurde blind von einer Hand über den Augen, die schwer auf meinen Jochbögen lastete und meine Nase verschloss, da war keine Luft mehr, während das Wasser, die dunkle Milch mir in alle Körperöffnungen fuhr hinaus und hinein mit einem anschwellenden Klirren, einem Reißen, sie riss an meinem Haar, mein Nacken bog sich. „Da bricht etwas“, dachte ich und dann war ihr Körper auf einmal weich und ohne Widerstand, wimmernd und schwer, die Hände schlaff aus mir herausgeglitten. Ein Gesicht, ein Körper, der aus mir sank, meinen Öffnungen, meinem Mund herausströmte und mir aus der Ferne einer sich ausbreitenden Weiße entgegen stieß, so habe sie es immer gemacht, ihr den Mund mit ihrer Brust gestopft, milchdunkles Wasser über sie gegossen, Liter, den Kopf nach hinten gebogen und einen Keil aus schwarzer Seife zwischen die Zähne, hinaus und hinein, aus Mund und Nase sei es ihr herausgespritzt, sie habe gelacht und als Johanna sich gewehrt hätte habe, da hätte sie ihr entgegengezischt: „Du schlägst Deine Mutter.“
Hier beginnt der Riss. Oder vielmehr nicht hier, sondern irgendwo in diesem weißen Versinken, in dem ich als letzten Ruf von ihr hörte, sie, sie hätte keine Tochter, niemals eine Tochter, verstehst Du „Keine Tochter, keine Tochter“, hervorgestoßen in einer sich aufbäumenden Wortbewegung, die zwischen uns niederfiel, auf ihrer Aufprallstelle, ein klirrender, an seinen Kanten spiegelnder Riss.
Sie sank zusammen, eine wimmernde Form auf der Leere, die ihr Bett war, umgeben von all dem Rauwerk, den unzähligen Hüllen, mit denen sie sich entfernte, umgeben von einem Leben, das darum kreiste, nichts hervorzubringen, von einem Leben, dass um ein Fehlen kreiste, darum, keine Abdrücke zu hinterlassen, nichts in die Welt zu bringen und vor allem: Keine Mutter zu sein. Niemals eine Mutter.
Dann wurde es weiß.
Man kann nie sagen, was in einer solchen Weiße passiert, ob es ein Sinken lassen, ein Wegdämmern, oder ein sich mit dem Eigenwillen des Körpers Hindurchstoßen durch den Boden der Flut ist, eine Rettung am Grund der Gewässer. Ich denke, es war irgendeine Form von Tat.
Es muss so gewesen sein, denn ich bin gesunken und irgendwann wieder aufgetaucht, ich weiß nicht wann. Seitdem liege auf einem Bett und neben mir liegt ein Körper, von einem weißen Leintuch bedeckt. Ich habe ihn vorsichtig abgetastet: Es ist nicht meiner.
Um das Bett treiben Reste von Fellen auf dem langsam sinkenden Gewässer, Rauwerk, dunkle Partikel, eine Seite des Apothekermagazins.
Ich streiche über das Laken wie über ein Blatt Papier, mit den Fingerspitzen der rechten Hand kleine Bewegungen machend als würde ich in das Gewebe eine Blindenschrift einschreiben, mit den Knoten und Fäden eine Geschichte erzählen, unsere, eine Erzählung von ihr und von mir.
Der Körper neben mir ist kühl, aber er atmet noch. Ich lehne meinen Kopf an das Herz, es schlägt, doch auf die Lider drücke ich wie zum Abschied. Ich weiß nicht, was ich tun soll, ich weiß nicht, wie man jemand rettet oder verlässt.
Aber vielleicht kann ich mit der sinkenden Flut ein Stück des Lakens nehmen und aus dem Fenster hängen mit den weithin sichtbaren Zeichen: Hier ruht Johanna. Sie ist in Not.
Dann werde ich das Sonnenkleid, die Mondbluse und das Gewand der Sternenprinzessin in eine Nuss packen, zusammen mit dem Spinnrad, der Spindel und dem Ring. Ich werde keinen Filz mitnehmen, der ist im Wasser zu schwer, höchstens einem Mantel aus rauen Worten und den Fragen von Johanna und mir.
Ich werde mich auf das sich zurückziehende Wasser legen und treiben, fort von diesem Körper, diesem Ort, hinaus aufs offene Meer. Vielleicht wird es nötig sein, kleine Schwimmbewegungen mit den Fingern zu machen, ich weiß nicht, ob ich es kann. Aber ich sehe die Schreibbewegungen meiner Hände auf dem weißen Laken. Sie sind sicher und suchend wie die Linien der See.
(c) Judith de Gavarelli 2010