Eine Welt aus Fuss

Was uns Schmerzen über die Angstfreiheit unseres Gegenwartsinnes lehren können

Die ganze Welt ist Fuß. Eine heiße, klopfende, entzündete Welt. Eine der ich entfliehen möchte. Aber auch eine die ungeheuer gegenwärtig ist.

Schmerz ist ein Lehrmeister. Nicht nur einer, der uns die Dankbarkeit für alles, was nicht Schmerz ist, lehren kann. Sondern er ist auch ein Erzähler von Gegenwart. Im alle überstrahlenden „Jetzt!“ des Schmerzes ist – aber einer bestimmten Intensität – kein Raum mehr für Angst. Es ist kein Raum mehr für Befürchtungen, was sein könnte. Das einzig wahrnehmbare ist: mein Körper ist da. Mein Körper ist da und ich die ich meinen Körper wahrnehme bin da. Nichts anderes als: ich bin da. Keine Vergangenheit, keine Zukunft.

Damit lehrt der Schmerz uns eine fundamentale Wahrheit. Er lehrt uns etwas darüber, was außerhalb jeder Sorgen steht. Er lehrt uns etwas über reine Präsenz. Das tut er zugegebener Weise auf die unangenehmsten mögliche Art. Und trotz dessen, trotz Umstands, dass wir nichts möchten als ich ihn zum Verschwinden zu bringen, lehrt er und etwas über Bedeutung. So, wie bei Momenten intensiven Schmerzes nichts anderes Bedeutung hat, so wünsche ich mir auch, das andere Gegenwärtigkeiten für uns  reine , umfassende Bedeutung haben können. Wie gerade, ganz aktuell neben der Aktualität des rot geschwollenen Fußes das Krähen der Hähne. Es wird gerade Morgen, die Dämmerung ist noch nicht da und es kräht von allen Seiten. Reine Ankündigung, ein Rausch des Beginnens. Das ist schön und ich wünsche mir, in dieser Schönheit aufgehen zu können wie ich ohne es zu wünschen in der Gegenwart des Schmerzes aufgegangen bin. Nur das Krähen und ich, die Wahrnehmende dieses Krähens und ich, die Chronistin dieser Welt aus Ankündigung. Wenn das da ist, bleibt auch kein Raum für Angst.

So seltsam es ist: aus Schmerzen kann man auch Kraft ziehen. Nicht, dass ich nicht trotzdem, und mit aller Intensität wollte, dass sie aufhören. Aber wenn es durch irgendeine seltsame Gnade gelingt, durch den Schmerz hindurch die reine Bedeutung von „Ich bin da. Ich lebe, fühle und bin da. ” zu spüren, dann kann das Kraft geben. Die Kraft, die wir jetzt brauchen um mit einer höchst ungewissen Situation umzugehen.

Im Moment sind wir da, mit all dem, wie sich gerade die Welt unseren Sinnen mitteilt. Und manchmal ist die Wahrheit darin spürbar: nichts anderes zählt. Nichts anderes vielleicht als das Krähen der Hähne, eine reine Ankündigung.

Eine Welt des Beginnens, auch jetzt.

(c) Judith de Gavarelli 2019